3 Fragen an Claudia Diehl

In der öffentlichen Debatte um die Integration von Zuwanderern rückte in den letzten Jahren immer mehr die Religion in den Blickpunkt. Besonders der Islam wird als Barriere gesehen, auch für die Integration muslimischer Schülerinnen und Schüler in das Bildungssystem. Wissenschaftliche Belege dafür gab es bisher nicht.

Um das zu ändern haben die Soziologen Prof. Dr. Claudia Diehl und Patrick Fick (Universität Konstanz) gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Koenig (Universität Göttingen) den Zusammenhang zwischen Religion und Bildungserfolg untersucht. In dem von der Stiftung Mercator geförderten Forschungsprojekt gingen sie der Frage nach, welche Rolle die Religionszugehörigkeit bzw. die individuelle Religiosität für den Bildungserfolg in Deutschland spielt und ob es hier Hinweise auf diskriminierende Prozesse gibt.

Frau Diehl, beeinflusst Religion den Bildungserfolg?

In unserem Forschungsprojekt konnten wir nachweisen, dass die Religion keinen Einfluss auf den Bildungserfolg hat. Entscheidend sind in erster Linie das Elternhaus sowie sprachliche und kognitive Kompetenzen. Für unsere Studie haben wir uns die Daten von rund 5.000 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse mit Migrationshintergrund angeschaut, die protestantischen, katholischen oder muslimischen Glaubens bzw. konfessionslos sind.

Auch dafür, dass Diskriminierung den Bildungserfolg behindere, lassen sich keine Hinweise finden. Hier muss man aber anmerken, dass dieser Faktor unterschätzt werden könnte. Kinder könnten also möglicherweise schon diskriminiert werden, weil sie einer bestimmten Religion angehören, diesen Nachteil aber durch vermehrtes Lernen kompensieren.

Dann spielt es also keine Rolle, ob Schülerinnen und Schüler religiös oder und weniger religiös sind?

Die Unterschiede sind tatsächlich minimal. Religiöse und weniger religiöse Muslime etwa sprechen gleich viel deutsch zuhause. Religiöse Muslime haben etwas weniger Kontakt zu Einheimischen. Einzig beim späteren Wechsel ins Gymnasium – nach der 9. Klasse – haben wir festgestellt: Diejenigen, die häufiger in die Moschee gehen, machen diesen Schritt seltener. Das traf allerdings nur für die Jungen zu, und nicht für die Mädchen.

An was liegt es, dass muslimische Kinder geringeren Bildungserfolg haben?

Bei der Erklärung des vergleichsweise geringeren Bildungserfolgs muslimischer Kinder spielt weder deren Religiosität noch ethno-religiöse Diskriminierung in der Schule eine entscheidende Rolle. Ihre Bildungsintegration verläuft langsamer, weil sie mehrheitlich aus bildungsfernen Elternhäusern stammen und daher unzureichend auf die Schule vorbereitet sind.

 

Claudia Diehl ist Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Konstanz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Eingliederung von Zuwanderern, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung sowie Phänomene der internationalen Migration. Sie ist Mitglied des Expertenrats Demografie beim Bundesminister des Innern und des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

 

Beitragsbild: © yanlev – Fotolia.com

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