Frau van Gog, allgemein wird angenommen, dass Schülerinnen und Schüler am meisten lernen, wenn sie sich ihr Wissen selbst erarbeiten. Stimmt das?

Nicht unbedingt. Wir wissen, dass das beobachtende Lernen, das ja eine sehr natürliche Art des Lernens ist, in vielen Fällen die effektivere und effizientere Methode ist. Das wissen wir tatsächlich schon seit drei bis vier Jahrzehnten.

Wenn man bei einigen Aufgaben die Problemstellung durch ein Beispiel ersetzt, lernen Kinder besser und schneller, als wenn sie alle Aufgaben selbst lösen. Das gilt vor allem, wenn sie noch kein Vorwissen haben. Dann können sie sich nur auf die Methode „Trial and Error“ verlassen, und das ist eine in der Regel sehr ineffektive Strategie: Man muss die Lösung durch Ausprobieren herausfinden, weiß am Ende nicht mehr, wie man zu der Lösung gekommen ist, und fängt wieder von vorne an. Diese Methode braucht viel mehr Zeit und ist so anstrengend für das Arbeitsgedächtnis, dass man sich den Lösungsweg nicht merken kann. Deshalb lernen Schülerinnen und Schüler so langsamer, als wenn sie den Lösungsweg erst mitverfolgen und dann selbst anwenden.

Wie können Lehrkräfte beispielbasiertes Lernen in ihren Unterricht integrieren?

Das kommt auf den Inhalt und das Fach an. Die Effektivität von beispielbasiertem Lernen ist im MINT-Bereich, aber auch in Bereichen wie Medizin, Jura oder sogar Kunst sehr gut untersucht. Welche Form von Beispiel geeignet ist, hängt von den Aufgaben ab. In Mathe kann ich den Lösungsweg aufschreiben oder im Video zeigen. Möchte ich jemandem beibringen, wie man ein Molekül zusammenbaut, geht das natürlich besser im Video.

In Holland werden Videos bereits oft im Unterricht verwendet, Schülerinnen und Schüler nutzen sie zum Beispiel auch zum Hausaufgaben machen. Lehrkräfte greifen dazu auf Portale zurück, auf denen Lehrfilme angeboten werden, wie z.B. die Wiskunde Academie oder die Khan Academy. Manche Lehrkräfte produzieren die Videos aber auch selbst, oder die Schülerinnen und Schüler erstellen die Videos als Lernzweck.

Was müssen Lehrkräfte bei der Videoauswahl beachten?

Wie im regulären Unterricht gilt auch hier, die Qualität der Videos ist entscheidend. Die Inhalte müssen natürlich stimmen, Erklärtempo und im Bild erscheinende Informationen müssen exakt abgestimmt sein, und das Timing ist wichtig, also wann die Informationen kommen – nicht alle auf einmal, sondern besser Schritt für Schritt.

Bisher haben wir keine Hinweise gefunden, dass es für das Lernergebnis einen Unterschied macht, ob die lehrende Person im Film sichtbar ist oder nicht. Je komplexer der Stoff, desto wichtiger ist allerdings, dass die Person Hinweise per Blick oder Geste gibt. Ob der Stoff von einer Frau oder einem Mann präsentiert wird, machte in unseren Untersuchungen bislang ebenfalls keinen Unterschied;  dies könnte aber bei bestimmten Themen eine Rolle spielen. Das Alter der Person im Video scheint hingegen relevant zu sein: In einer Studie konnten wir zeigen, dass Schülerinnen und Schüler besser lernen, wenn die Person deutlich älter ist als sie selbst.

 

Prof. Dr. Tamara van Gog ist Professorin für Bildungswissenschaften an der Universität Utrecht, Niederlande. Seit Anfang 2017 arbeitet sie als  eine von fünf internationalen Gastprofessorinnen  und -professoren mit LEAD zusammen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit beispielbasiertem Lernen, multimedialen Lernangeboten sowie der Förderung von selbstreguliertem Lernen, Reflexion und kritischem Denken.

 

Beitragsbild: © Lumina Images – Fotolia.com

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