Lehrerpersönlichkeit und Lernerfolg: 3 Fragen an Gerhard Roth –

 

„Es besteht eine tiefgreifende Verunsicherung der Lehrerinnen und Lehrer hinsichtlich ihrer eigenen Rolle“, begann der Neurobiologe Gerhard Roth den Vortrag zur „Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit für den Lernerfolg“ im Rahmen des Studium Generale am 11. Mai 2017 an der Universität Tübingen. Sie werden zunehmend mit Konzepten des selbstorganisierten oder eigenverantwortlichen Lernens konfrontiert. Macht dies ihre Mitwirkung überflüssig?

Ganz und gar nicht: Für jede Art des Unterrichts – ob Frontalunterricht, Gruppen- oder Einzelarbeit – ist die Kompetenz, die Vertrauenswürdigkeit, die Motivationsfähigkeit und die Feinfühligkeit der Lehrperson von entscheidender Bedeutung für den Bildungserfolg. Denn Wissensvermittlung ist eine Sache des Vertrauens in den Lehrenden. Vertrauenswürdig sind Lehrerinnen und Lehrer, die ihre eigenen Kräfte realistisch einschätzen können und selbst gut motiviert sind. Sie haben ein ausgeprägtes fachliches, didaktisch-pädagogisches sowie psychologisches und soziales Kompetenzgefühl und kombinieren diese Selbstsicherheit mit Feinfühligkeit. Sie können sich Fehler und Unwissen eingestehen, wirken dabei aber nicht demütig-entschuldigend. Vertrauenswürdig heißt außerdem, dass sie Probleme kompetent lösen können und gerecht und überlegt handeln.

 

Und wie zeigt ein Lehrer seinen Schülern, dass er vertrauenswürdig ist?

Die nichtverbale Kommunikation spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Innerhalb weniger Sekunden entscheidet sich, ob wir jemanden sympathisch finden und damit die Grundlage für spontane Vertrauenswürdigkeit legen: Anhand des Blickkontakts, der Augen- und Mundwinkelstellung, der Gestik, der Schulter- und Körperhaltung sowie der Stimme, Sprachmelodie und Sprachführung. Die Gesichtsmimik wird auf unbewusste Weise durch limbische Zentren gesteuert. Sie teilen unsere Gedanken, Gefühle und Persönlichkeitsmerkmale mit, die in den ersten 200-300 Millisekunden in unserer Mimik aufblitzen, ehe sie bewusst kontrolliert werden können. Wir nehmen dieses kurzzeitige Aufblitzen meist unbewusst wahr, man kann die bewusste Wahrnehmung aber trainieren und daher lernen, die Gedanken und Gefühle anderer besser zu erkennen. Dieser erste Eindruck bildet einen relativ stabilen Rahmen für die weitere Kommunikation und Interaktion. Er sagt etwas darüber aus, ob wir eine Person mögen, ob sie vertrauenswürdig erscheint oder nicht. Er sagt jedoch nichts über die weitere Eigenschaften der Person aus wie zum Beispiel die fachliche Kompetenz. Ein positiver erster Eindruck veranlasst uns, über vieles Negative bei der Person hinwegzusehen, ebenso wie ein negativer erster Eindruck ein starkes Hindernis bei positiven Merkmalen ist.

 

Kann man daraus folgern, dass die erste Begegnung entscheidend für den Lernerfolg der Schüler ist?

Wenn der neue Klassenlehrer vor seine neue Klasse tritt, dann vollzieht sich eine teilweise unbewusst verlaufende emotionale Abstimmung, die gelingen oder auch scheitern kann und für die nächsten Jahre positive oder negative Rahmenbedingungen schafft. Durch Blickkontakt zu seinen Schülern etwa oder durch ein freundliches, ernstgemeintes Lächeln kann er das Motivationssystem seiner Schüler aktivieren. Wenn ein Lehrer beispielweise seine Schüler nicht direkt anschaut, sondern über sie hinwegblickt, signalisiert er damit, dass er nicht viel von ihnen hält. Ein anerkennender Blick dagegen, der etwa drei Sekunden dauert, ist die größte Belohnung.

Entscheidend für den Lernerfolg ist aber auch, dass der Lehrer in der Lage ist, die Persönlichkeiten der Schüler ebenso wie ihre Interessen, Begabungen und Begabungsunterschiede hinreichend zu erfassen und auch Lernbehinderungen und psychische Störungen zu erkennen, die bei Kindern nicht selten sind. Um ein Gefühl für die eigene Wirkung zu erlangen, kann er sich beispielsweise selbst fragen: ‚Wirke ich wirklich kompetent und vertrauenswürdig?‘, ‚Zeige ich mich der Situation wirklich gewachsen?‘, ‚Kann ich feinfühlig führen und loslassen?‘ Oder auch: ‚Gehe ich hinreichend auf die gegenwärtige kognitive und emotionale Befindlichkeit der Schüler ein?‘

Tipps zur Kontrolle des eigenen Auftretens sind beispielsweise, eine feste, aber entspannt-aufrechte Haltung einzunehmen, ein freundliches, aber nicht kumpelhaftes Gesicht zu zeigen und die Schüler anzuschauen, nicht zu kurz und nicht zu lang. Die Gestik kann zugelassen werden, aber gemäßigt und nicht zu verkrampft. Ruhiges Sprechen mit variierender Geschwindigkeit und Lautstärke sowie kurzen Pausen fördert ebenfalls die Vertrauenswürdigkeit. Es ist zudem ratsam, sofort zur Sache zu kommen und Floskeln zu vermeiden, stets zu erklären, warum man bestimmte Verhaltensweisen von den Schülern fordert und Störungen sofort zu thematisieren.

 

Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth ist Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurologie sowie ehemaliger Direktor des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen. Zudem leitet er das Roth Institut, das zum Ziel hat, wissenschaftliche Erkenntnisse in praxis-orientierte und innovative Konzepte für Management und Führung umzusetzen.

 

Zum Weiterlesen:

Roth, G. (2011). Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta.

Roth, G. (2017). Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Stuttgart: Klett-Cotta.

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