Von Gundula Stoll – Dass berufliche Interessen einen Einfluss auf die Berufswahl haben, ist klar. Dass sie aber auch über den Lebensverlauf entscheiden, ist nun das Ergebnis einer Studie, bei der mehr als 3.000 Abiturientinnen und Abiturienten über einen Zeitraum von zehn Jahren begleitet wurden. Es wurde untersucht, ob sich ein Zusammenhang zwischen beruflichen Interessen und bestimmten Lebensereignissen wie einer Partnerschaft oder der Anzahl der Kinder herstellen lässt oder ob Persönlichkeitsmerkmale besser dazu geeignet sind, den Lebensverlauf vorherzusagen.

Dazu wurden die Abiturientinnen und Abiturienten im Jahre 2002 nach ihren Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen befragt. Außerdem nahmen sie an einem Intelligenztest teil und beantworteten Fragen zu ihrem familiären Hintergrund. Zehn Jahre später beantworteten die gleichen Personen Fragen zu ihrem familiären und beruflichen Status sowie zu ihrer Gesundheit. Gefragt wurde, ob sie in einer Beziehung lebten, verheiratet waren und Kinder hatten, ob sie eine Vollzeitbeschäftigung ausübten, arbeitslos waren, wieviel sie verdienten und ob sie über gesundheitliche Beschwerden klagten.

Um die beruflichen Interessen zu bestimmen, wurde ein Modell aus der Arbeits- und Organisationspsychologie verwendet, das davon ausgeht, dass es sechs grundlegende Interessentypen gibt. Obwohl dieses Modell im Bereich der Berufs- oder Studienberatung sehr häufig verwendet wird, gibt es bisher kaum Untersuchungen dazu, welche Einflüsse berufliche Interessen auf andere Bereiche des Lebens haben. Dabei finden sich in der Theorie durchaus Hinweise auf solche Einflüsse. Beispielsweise Menschen mit praktisch-technischen Interessen finden sich oft in handwerklichen oder technischen Berufen. Sie legen viel Wert auf das Einkommen und den sozialen Status. Menschen mit intellektuell-forschenden Interessen dagegen befassen sich gerne mit abstrakten Problemen und legen viel Wert auf Bildung. Künstlerisch-sprachlich Interessierte gelten als idealistisch, wollen sich selbst verwirklichen und messen der Ästhetik einen hohen Wert bei. Das steht oft im Gegensatz zu ökonomischen Zielen und könnte deshalb mit einem niedrigeren Einkommen oder einem höheren Risiko einhergehen, arbeitslos zu sein.

Menschen mit sozial-orientierten Interessen bevorzugen Berufe, in denen sie viel Kontakt zu anderen Menschen haben. Da sie auch privat soziale Aktivitäten in den Mittelpunkt stellen, arbeiten sie oft weniger Stunden und verdienen deshalb weniger. Menschen mit unternehmerisch-orientierten Interessen gelten als selbstbewusst, ehrgeizig, energisch und gewinnorientiert. Sie streben nach Leistung, Erfolg, Prestige und Karriere. Und Menschen mit ordnend-verwaltenden Interessen gelten als gewissenhaft, effizient und gründlich. Sie streben nach konservativen und traditionellen Werten.

In unserer aktuellen Studie haben wir daher untersucht, ob berufliche Interessen auch Lebensentwicklungen außerhalb der Berufswahl beeinflussen. Das Ergebnis: Anhand der beruflichen Interessen ließen sich sieben von neun Lebenssituationen besser vorhersagen als anhand der Persönlichkeitsmerkmale, der Intelligenz oder dem familiären Hintergrund. Die stärksten Effekte waren in Bezug auf die Arbeitssituation, das Einkommen und die familiäre Situation zu beobachten. Hier spielten die beruflichen Interessen sogar eine größere Rolle als Persönlichkeitsmerkmale und Intelligenz. So waren zum Beispiel Personen, deren Interessen mehr im sozialen Bereich lagen, öfter verheiratet und hatten auch öfter Kinder. Personen mit stärker unternehmerischen Interessen arbeiteten häufiger in Vollzeit und hatten ein höheres monatliches Einkommen, waren dafür aber seltener verheiratet und hatten seltener Kinder. Bei der Voraussage der gesundheitlichen Beschwerden dagegen spielten berufliche Interessen keine große Rolle. In diesem Bereich ist die Persönlichkeit, vor allem die emotionale Stabilität, ausschlaggebender.

Die Zusammenhänge müssen jedoch noch näher untersucht werden. Es ist beispielsweise unklar, ob Personen mit hohem Einkommen und beruflichem Erfolg deshalb keine Familie gründen, weil sie soziale Verbindlichkeiten scheuen, weil sie aufgrund ihrer Ziele für andere als Partner unattraktiver erscheinen oder weil sie in diesem Lebensabschnitt einfach andere Prioritäten gesetzt haben.

 

Originalpublikation:

Stoll G., Rieger S., Lüdtke O., Nagengast B., Trautwein U. & Roberts, B synthroid online. W. (in press). Vocational interests assessed at the end of high school predict life outcomes assessed 10 years later over and above IQ and Big Five personality traits. Journal of Personality and Social Psychology. Online first: http://dx.doi.org/10.1037/pspp0000117

 

Dr. Gundula Stoll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung. Die Diplom-Psychologin beschäftigt sich mit der Entwicklung beruflicher Interessen im Jugend- und Erwachsenenalter und ihrem Einfluss auf relevante Lebensentscheidungen im Berufs- und Privatleben.

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