Wer nutzt und wem nützt frühkindliche Betreuung? 3 Fragen an Pia Schober:

Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine schnellere Rückkehr von Müttern in die Erwerbstätigkeit und die frühe Förderung aller Kinder, unabhängig vom sozialen Hintergrund hat sich die Familienpolitik seit 2005 auf die Fahnen geschrieben. Die Ganztagesbetreuungsplätze für Kinder bis zu sechs Jahren wurden ausgebaut und es gibt mittlerweile einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes. Die Kitanutzung hat sich seither ständig erhöht: Im Jahr 2015 besuchten 28 Prozent der Kinder im Alter von bis zu zwei Jahren in Westdeutschland eine Kita (2006: 8 Prozent), in Ostdeutschland waren es sogar 52 Prozent (2006: 40 Prozent). Von den Kindern zwischen drei und sechs Jahren waren 95 Prozent in Westdeutschland (2006: 86 Prozent) und 97 Prozent in Ostdeutschland (2006: 92 Prozent) in einer Kita angemeldet. Doch wer nutzt die Betreuungsangebote und wem nützen sie? Wir haben mit Prof. Dr. Pia Schober vom Institut für Soziologie an der Universität Tübingen gesprochen:

 

Welche Auswirkungen hat die frühkindliche Bildung und Betreuung auf die Kinder?

„Studien, in denen die Effekte auf die kognitive kindliche Entwicklung untersucht wurden, kommen zu dem Schluss, dass sich eine frühe institutionelle Betreuung positiv auf die kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten der Kinder auswirken kann. Diese Effekte waren zumeist für Kinder aus benachteiligten Familien stärker zu beobachten und haben sich am deutlichsten bei Kindern mit Migrationshintergrund gezeigt. Allerdings unter einer Bedingung: dass die Qualität der Interaktion in den Kitas hoch ist. Im Bereich der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder zeigten sich in einigen Studien teilweise negative Effekte, vor allem im ersten Lebensjahr. In einer stabilen Betreuungssituation und einem Betreuungsumfang von bis zu 30 Stunden pro Woche fanden sich zumeist jedoch weder positive noch negative Effekte bei Kindern zwischen einem und drei Jahren. Erst ab dem dritten Lebensjahr ergab die institutionelle Betreuung positive Effekte auf die soziale und emotionale Entwicklung. Aber auch hier war die Interaktionsqualität von großer Bedeutung.“

 

Sind die Betreuungsangebote in Deutschland zu schlecht?

„Ja. Nur etwa sieben Prozent der Einrichtungen verfügen über eine gute bis ausgezeichnete Qualität, der Großteil – rund 83 Prozent – befindet sich in einer Zone von mittlerer Qualität und in rund zehn Prozent der Kitas ist die Qualität unzureichend. Schlechte Betreuungsschlüssel, wenig Fortbildung der Erzieherinnen und Erzieher, weniger Materialien und Spielsachen in den Einrichtungen, keine oder geringe Möglichkeiten, draußen zu spielen, zum Beispiel in einem Garten oder unmotivierte und unzufriedene Erzieherinnen und Erzieher zeugen von minderer Qualität. Die Eltern werden oft schlecht informiert, zum Beispiel über pädagogische Konzepte. Dabei haben wir in einer Studie herausgefunden, dass qualitative Aspekte auch den Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf erleichtern. Mütter erhöhen ihre Arbeitsstunden schneller – und dadurch steigt auch ihr Verdienst – wenn die Kinder eine qualitativ gute Einrichtung besuchen, in der sie schnell eine sichere Beziehung zu den Betreuern herstellen können und gefördert werden. Notwendig wären eine strengere und einheitlichere Qualitätsregulierung und einfach zugängliche Informationen für die Eltern.“

 

Hat der Ausbau der Kinderbetreuung die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert?

„Vor allem der Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige und der Ausbau der Ganztagesbetreuung haben die Zufriedenheit mit dem Familienleben gefördert und zwar generell für Mütter in Ostdeutschland, für Alleinerziehende und für in Vollzeit arbeitende Mütter in Westdeutschland. Mütter mit hohem Bildungsstand und alleinerziehende Mütter haben Ihre Nutzung der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren am stärksten erhöht. Unter Müttern mit geringen Qualifikationen und Müttern mit Migrationshintergrund dagegen fanden sich kaum Veränderungen im Nutzungsverhalten. Allerdings zeigte sich auch, dass Kinder von Müttern mit geringer Qualifikation oder Migrationshintergrund im Durchschnitt Kitas von etwas geringerer Qualität besuchen. Fehlende Informationen, soziale Netzwerke, andere Präferenzen oder das lokale Angebot könnten die Gründe dafür sein. Seit August 2013 hat jedes Kind einen Anspruch auf einen Kitaplatz, zuvor bestand der Anspruch nur, wenn die Eltern erwerbstätig waren. Ob sich die soziale Ungleichheit in der Nutzung seitdem verringert hat, wurde noch nicht untersucht und wird sich zeigen.“

 

Prof. Dr. Pia Schober ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Mikrosoziologie an der Universität Tübingen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit sozialer und geschlechtsspezifischer Ungleichheit in kindlichen Bildungsprozessen, mit Gender, Arbeitsteilung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie und mit frühkindlicher Familien- und Bildungspolitik.  

 

Zum Weiterlesen:

Stahl, J. F., & Schober, P. S. (2017). Convergence or divergence? Educational discrepancies in work-care arrangements of mothers with young children in Germany. Work, employment and society, 095001701769250. doi:10.1177/0950017017692503

Stahl, J. F., & Schober, P. S. (2016) „Ausbau der ganztägigen Kindertagesbetreuung kann zur Zufriedenheit von Müttern beitragen“, DIW Wochenbericht, 37, 840-847.

Camehl, G. F., Stahl, J. F., Schober, P. S., & Spieß, C. K. (2015) „Höhere Qualität und geringere Kosten von Kindertageseinrichtungen – zufriedenere Eltern?“, DIW Wochenbericht, 46, 1105-1113.

Recommended Posts

Leave a Comment