Von Nicole Tieben – Die hohe Zahl an Studienabbrechern in Deutschland wird von Politik und Medien immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Wenig Aufmerksamkeit bekommt dabei allerdings die Frage, was der Begriff „Studienabbruch“ genau bedeutet. Die Hochschulforschung spricht gerne von der „Schwundquote“. Die gibt an, wie viele der einmal immatrikulierten Studierenden den angestrebten Studienabschluss erreichen. Diese „Schwundquote“ wird in der Regel anhand von Matrikelnummern ermittelt, die den Studierenden bei der Immatrikulation zugewiesen wird. Folgt später eine Exmatrikulation ohne Studienabschluss, gilt dies als ein Studienabbruch und geht damit in die „Schwundquote“ ein. Was passiert jedoch, wenn Studierende einfach nur die Hochschule wechseln oder das Studium unterbrechen? Bei der Berechnung der „Schwundquote“ werden diese Studierenden als „Abbrecher“ gezählt, auch wenn sie den Studienabschluss später erreichen. Weil in Deutschland das Hochschulstatistikgesetz die Sammlung von Studienverlaufsdaten bisher verboten hat, sind „echte“ Studienabbruchquoten sehr schwierig zu ermitteln. Eine neue Bildungsstudie, das Nationale Bildungspanel (NEPS), ermöglicht nun erstmals anhand von sogenannten retrospektiven Lebensverlaufsdaten eine genauere Analyse der Studienverläufe1. Hier zeigt sich, dass rund die Hälfte aller Studienabbrecher des ersten Studiums an der Hochschule bleibt oder nach einer Weile zurückkehrt und auch gute Chancen hat, im „zweiten Anlauf“ einen Abschluss zu erreichen. Rund 85 Prozent aller Studierenden erreichen im Laufe ihres Lebens auch einen Abschluss.

Auffallend ist jedoch, dass die Abbruchquote des Erststudiums im Verlauf der Jahrzehnte von 16 auf 30 Prozent angestiegen ist. Über die Gründe hierfür kann man nur spekulieren. Vor allem aus den Hochschulen werden Klagen über die nachlassende Studierfähigkeit der Abiturienten laut. Den Studienanfängern fehle es an Grundkompetenzen und einer selbständigen, „wissenschaftlichen“ Denk- und Arbeitsweise, wird des Öfteren bemängelt. Auf der Seite der Studierenden werden dagegen vor allem die Studienbedingungen kritisiert. Auffallend ist jedoch, dass zwar das Erststudium immer häufiger abgebrochen wird, dies aber nicht zu einer vergleichbaren Steigerung des endgültigen Studienabbruchs führt. Häufiger geworden sind vor allem die Fach-, Hochschul- und Studiengangswechsel, nicht aber der endgültige Ausstieg aus dem Studium. Daraus ergibt sich die Frage, ob nicht eher eine Pluralisierung der Studiengänge und die zunehmende Tendenz, die begehrten Studienfächer mit Zulassungsbeschränkungen zu belegen, zu einer Steigerung der Wechselneigung geführt hat. Immerhin kann in vielen Fällen nach einigen Wartesemestern im „Parkstudium“ noch ein Wechsel in das Wunschfach realisiert werden. Für diese Vermutung spricht, dass vor allem in den eher selektiven Studiengängen, wie Medizin, Jura  und Betriebswirtschaft die Abbruchquoten deutlich geringer sind, als beispielsweise in den Humanwissenschaften oder Mathematik.

Darüber hinaus wird es wohl auch angesichts der wachsenden Vielfalt der Studiengänge immer schwieriger, den passenden Studiengang zu finden. Viele Studierende beginnen unzureichend informiert und mit falschen Erwartungen an das gewählte Studienfach ihr Studium und nutzen den Fach- oder Studiengangswechsel zur Korrektur der ursprünglichen Studienwahl. Mit intensiverer Beratung der Studieninteressierten bereits vor dem Eintritt in die Hochschule oder auch mit sogenannten Self-Assessments, das sind Tests zur Eignung für ein bestimmtes Studienfach, könnten die Abbruchquoten im Erststudium zumindest derjenigen Studierenden gesenkt werden, die sich schlicht und einfach verwählt haben.

1 Untersucht wurden die Lebens- und Bildungsverläufe von knapp 4.500 ehemals Studierenden der Geburtsjahrgänge 1944 bis 1984.

Dr. Nicole Tieben ist Soziologin und Autorin der Expertise zum „Datenreport 2016“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

 

 

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