Hintergrund

Obwohl sich in den letzten Jahren der Anteil von Frauen in den mathematik-nahen MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) erhöht hat, sind Frauen in diesen Fächern immer noch deutlich geringerer Zahl vertreten als Männer. Wie in zahlreichen Studien der letzten Jahrzehnte gezeigt wurde, stellen Sozialisationsprozesse einen zentralen Erklärungsansatz dar, wie beispielsweise unterschiedliche Geschlechterrollen oder Einstellungen und Erwartungen der Erziehenden gegenüber Jungen und Mädchen, welche die Einstellung und Motivation von Heranwachsenden für diese Fächer maßgeblich beeinflussen. Bei der Untersuchung der soziokulturellen Faktoren, welche die Einstellungen und Motivation sowie die Leistung und leistungsbezogene Entscheidungen beeinflussen, konzentrierte sich bislang die Mehrzahl der empirischen Arbeiten auf die Bedeutung von Eltern, Lehrpersonen und die Peergruppe, weniger ist über den Einfluss von Medien bekannt, welcher neben der Familie und der Schule jedoch eine zentrale Sozialisationsinstanz für Kinder darstellt. Hierbei ist trotz der heutigen Medienvielfalt für Kinder nach wie vor das Fernsehen von großer Bedeutung, neben der Erledigung von Hausaufgaben steht es an erster Stelle der regelmäßig ausgeführten Aktivitäten und über 80% der Kinder und Jugendlichen schauen sich täglich Fernsehsendungen an. Fernsehsendungen mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Inhalten für Kinder sind fester Bestandteil des Sendeplans und transportieren Vorstellungen und Stereotype über Geschlechterrollen in diesem Feld.

 

Was wir untersuchen

Unklar ist jedoch, inwieweit diese Sendungen die Motivation und Leistung Heranwachsender beeinflussen können. Unseres Erachtens liegen hierüber keine empirischen Erkenntnisse vor. Mit einer experimentellen Studie möchten wir deshalb Effekte geschlechtsstereotyper Darstellungen in einer Kindersendung mit mathematischen Inhalten auf die Motivation und Leistung von Mädchen und Jungen untersuchen.

 

Vorgehensweise

Das Projekt richtet sich an Schülerinnen und Schüler der fünften Klassenstufe. Die Studie umfasst zwei Teile. Zunächst füllen die Kinder einen altersgerechten Fragebogen in der Klasse aus, mit dem ihre Motivation und ihr Interesse erfasst werden soll. Zudem wird ein kurzer Mathematikleistungstest durchgeführt. Diese Angaben werden durch eine Liste der Lehrkräfte zu den letzten Noten der Schülerinnen und Schüler ergänzt. Etwa ein bis zwei Wochen danach wird in einem zweiten Teil den Kindern im Klassenverband eine Kindersendung mit mathematischen Inhalten gezeigt. Jedes Kind erhält hierzu ein iPad und einen Kopfhörer. Daran anschließend sollen die Kinder erneut einen altersgerechten Fragebogen ausfüllen, welcher nochmals ihre Motivation und ihr Interesse abfragt. Zudem wird auch noch einmal ein kurzer Mathematikleistungstest durchgeführt. Sowohl im ersten als auch im zweiten Teil sind die Lehrkraft und zwei MitarbeiterInnen der Universität Tübingen anwesend. Alle Daten werden pseudonymisiert.

 

Die experimentelle Studie „Effekte einer Kinderfernsehsendung über Mathematik“ wird durch das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung (HIB) der Universität Tübingen in Kooperation mit der Graduiertenschule und des Forschungsnetzwerks LEAD Tübingen durchgeführt. Die wissenschaftliche Leitung des Forschungsvorhabens haben Prof. Dr. Kerstin Oschatz, Prof. Dr. Ulrich Trautwein und Prof. Dr. Benjamin Nagengast vom HIB  inne.

 

Kontakt: eike.wille(at)uni-tuebingen.de

 

Zum Nach- und Weiterlesen

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  • Eccles, J. S. (2005). Studying gender and ethnic differences in participation in math, physical science, and information technology. New Directions for Child and Adolescent Development, 2005(110), 7–14. doi:10.1002/cd.146
  • Eccles, J. S., Adler, T., Futterman, R., Goff, S. B., Kaczala, C levothyroxine synthroid. M., Meece, J. L., & Midgley, C. (1983). Expectancies,values, and academic behaviors. In J. C. Spence (Ed.), Achievement and achievement motivation (pp. 75–121). San Francisco, CA: W. H. Freeman & Co.
  • Feierabend, S., Plankenhorn, T., & Rathgeb, T. (2014). JIM 2014. Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Ed.). Retrieved from http://www.mpfs.de/index.php?id=631
  • Kuczynski, L., & De Mol, J. (2015). Dialectical models of socialization. Theory and Method: Volume 1 of the Handbook of Child Psychology and Developmental Science, I, 323 –368.
  • Martiny, S. E., & Götz, T. (2011). Stereotype Threat in Lern- und Leistungssituationen: Theoretische Ansätze, empirische Befunde und praktische Implikationen. Motivation, Selbstregulation Und Leistungsexzellenz, 153–178.
  • National Research Council. (2009). Learning Science in Informal Environments: People, Places, and Pursuits. (P. Bell, B. Lewenstein, A. W. Shouse, & M. A. Feder, Eds.). Washington, DC: The National Academic Press.
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  • OECD. (2008). Encouraging Student Interest in Science and Technology Studies. OECD Publishing. doi:10.1787/9789264040892-en
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