Von Adam Ayaita – Einer der Faktoren, nach denen Studierende typischerweise ihr Studienfach auswählen, ist das erwartete spätere Einkommen. In der Wissenschaft ist es bislang aber nicht gelungen, zuverlässig zu ermitteln, wie sich die Wahl eines Studienfachs auf das spätere Einkommen auswirkt. Da es praktisch nicht möglich ist, Menschen in einem Experiment verschiedenen Studienfächern zuzuweisen, sind Wissenschaftler bislang überwiegend auf Befragungen und administrative Daten, zum Beispiel Steuer-Informationen, angewiesen, um den Zusammenhang zwischen Studienfach und Einkommen zu untersuchen (siehe z.B. Altonji, Arcidiacono, & Maurel, 2016).

Die bisherige Forschungsliteratur zeigt insbesondere, dass Absolventen der Medizin, der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sowie der Wirtschaftswissenschaften im Durchschnitt höhere Einkommen erzielen als andere Studierende. Doch in diesen Datensätzen bleibt unklar, wie diese Zusammenhänge zustande kommen. Auf der einen Seite ist es möglich, dass die höheren Einkommen tatsächlich durch die Wahl und den Abschluss des Studienfachs verursacht werden, zum Beispiel weil der Abschluss in bestimmten Fächern bestimme Fähigkeiten signalisiert und/oder bestimmte Kompetenzen im Studium erworben werden, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Es ist aber auch möglich, dass sich Studierende verschiedener Fächer schon vor Beginn des Studiums in ihren Fähigkeiten, ihrer Persönlichkeit und ihrem familiären Hintergrund tendenziell voneinander unterscheiden und dass es diese Unterschiede sind, die die späteren Einkommenseffekte erklären. In diesem Fall würde eine Ingenieurin nicht deshalb mehr verdienen, weil sie Ingenieurwesen studiert hat, sondern weil sie schon zum Zeitpunkt des Abiturs bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften besitzt, die sich später auf dem Arbeitsmarkt auszahlen. Für Wissenschaftler/innen sowie für Schüler/innen und Studierende, die ein Fach wählen, ist es deshalb wichtig, die Zusammenhänge zwischen Studienfach und späterem Einkommen besser zu verstehen.

 

Was wir untersuchten

Auf Grundlage eines annähernd repräsentativen Datensatzes von Abiturientinnen und Abiturienten in Baden-Württemberg untersuchten wir in unserer Studie, wie das Studienfach mit dem späteren Einkommen zusammenhängt, wenn man Absolventen oder Absolventinnen mit ähnlichen Fähigkeiten, Persönlichkeit und familiärem Hintergrund miteinander vergleicht. Auf diese Weise wollten wir herausfinden, ob und in welchem Ausmaß bestimmte Studienfächer auch dann noch mit einem höheren Einkommen einhergehen, wenn die Effekte psychologischer und soziologischer Bedingungen, die schon unabhängig vom Studium bestanden, herausgerechnet werden. Wir betrachten die Brutto- und Netto-Einkommen 14 Jahre nach dem Abitur sowie die psychologischen und soziologischen Voraussetzungen unmittelbar vor Beginn des Studiums. Wir konzentrieren uns dabei insbesondere auf Faktoren, die in bisherigen Studien üblicherweise nicht oder nicht umfassend genug berücksichtigt worden sind: Bildungsleistungen (Kompetenzen und Noten), kognitive Fähigkeiten, berufliche Interessen, Persönlichkeitseigenschaften (Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Instabilität) und sozioökonomischer Hintergrund.

 

Vorgehensweise

In der Studie „Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren“ (TOSCA) untersuchten Wissenschaftler des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen, wie sich Abiturienten in Baden-Württemberg im Zeitverlauf entwickeln. 149 Gymnasien wurden dabei zufällig ausgewählt und sind annähernd repräsentativ für die Gymnasien in ganz Baden-Württemberg. Die Schülerinnen und Schüler des Abitur-Jahrgangs von 2002 wurden erstmals in ihrem letzten Schuljahr befragt und anschließend in Abständen von zirka zwei Jahren wieder kontaktiert. Die aktuellsten Informationen liegen aus dem Jahr 2016 vor; zu diesem Zeitpunkt sind die meisten bereits im Berufsleben verankert. Wir konzentrierten uns auf diejenigen 1065 Befragten, die ein Studium abgeschlossen haben und bei denen Informationen zu Studienfach und Einkommen vorlagen.

Wir ermittelten zuerst, wie das zuletzt abgeschlossene Studienfach mit dem aktuellen Einkommen zusammenhängt, wenn für grundlegende biographische und studienbezogene Faktoren kontrolliert wird (etwa Geschlecht, Alter und höchsten Studienabschluss). Anschließend fügten wir weitere Faktoren hinzu, nämlich Fähigkeiten, Persönlichkeitserhebungen und sozioökonomischen Hintergrund aus dem letzten Schuljahr. Wir untersuchten, ob und inwieweit die Zusammenhänge zwischen Studienfach und Einkommen bestehen bleiben, wenn das statistische Modell um diese psychologischen und soziologischen Faktoren erweitert wird.

 

Vorläufige Ergebnisse

Wenn nur für grundlegende Variablen wie biographische und studienbezogene Faktoren kontrolliert wird, ergibt sich, dass ein Abschluss in Ingenieurwissenschaften und technischen Studiengängen, in Wirtschaftswissenschaften sowie in Medizin/Gesundheit mit signifikant höheren Einkommen verbunden sind als ein Abschluss in den Geisteswissenschaften. Die Zusammenhänge mit dem Nettoeinkommen sind quantitativ kleiner als die Zusammenhänge mit dem Bruttoeinkommen, was durch eine größere Steuerbelastung höherer Einkommen erklärt wird. Bei den Nettoeinkommen liegen auch die Rechtswissenschaften und Lehramt signifikant über den Geisteswissenschaften. Das bessere Abschneiden dieser Fächer bei den Nettoeinkommen dürfte daran liegen, dass viele dieser Absolventen Beamte sind, die weniger Sozialversicherungsabgaben bezahlen.

Wenn zusätzlich auch die Einflüsse psychologischer und soziologischer Voraussetzungen herausgerechnet werden, reduzieren sich die Zusammenhänge zwischen Studienfach und Einkommen im Mittel erheblich im Umfang zwischen 18 und 45 Prozent. Künstlerische und sprachliche Interessen wirken sich im Durchschnitt negativ auf das spätere Einkommen aus; diese Interessen sind bei Studierenden der Sozial- und Geisteswissenschaften schon vor Beginn des Studiums tendenziell stärker ausgeprägt als bei anderen Studierenden. Unternehmerische Interessen, z.B. für Unternehmensführung und Marketing, hängen dagegen positiv mit dem späteren Einkommen zusammen. Diese Interessen sind bei Juristen und Wirtschafts-Studierenden insgesamt am stärksten ausgeprägt. Gewissenhaftigkeit wirkt sich ebenfalls positiv auf das Einkommen aus; hier sind Mediziner, Wirtschaftswissenschaftler und Juristen von Anfang an am stärksten.

Werden nun Absolventen mit ähnlichen psychologischen und soziologischen Voraussetzungen verglichen, dann hängen Ingenieurwissenschaften und technische Studiengänge mit einem etwa 33% höheren Bruttoeinkommen zusammen, verglichen mit den Geisteswissenschaften. Der Effekt von Medizin/Gesundheit liegt bei durchschnittlich etwa 25% und Wirtschaftswissenschaften bei etwa 22%, wiederum jeweils verglichen mit den Geisteswissenschaften.

Die entsprechend bereinigten Effekte auf das Nettoeinkommen betragen im Durchschnitt etwa 24% für die Ingenieure und 17% für Lehramt-Absolventen. Medizin/Gesundheit und Wirtschaftswissenschaften sind offenbar nur noch mit geringfügig höheren Nettoeinkommen verbunden, wenn Absolventen mit ähnlichen erfassten Eigenschaften verglichen werden. Die Rechtswissenschaften zeigen keinen signifikanten Zusammenhang mit dem Einkommen mehr.

Der Einfluss des Studienfachs ist also geringer, als es in bisherigen Studien den Anschein hatte. Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass einige Studienfächer in einem begrenzten Umfang das Einkommen 14 Jahre nach dem Abitur tatsächlich beeinflussen.

 

Projektteam

Das Projekt wurde von LEAD-Doktorand Adam Ayaita zusammen mit Dr. Marion Spengler und Prof. Dr. Ulrich Trautwein durchgeführt. Kontakt: adam.ayaita@uni-tuebingen.de.

 

Zum Weiterlesen

Altonji, J. G., Arcidiacono, P., & Maurel, A. (2016). The Analysis of Field Choice in College and Graduate School: Determinants and Wage Effects. Handbook of the Economics of Education, 5, 305–396. https://doi.org/10.1016/B978-0-444-63459-7.00007-5

 

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