Dr. Thomas Riecke-Baulecke, Leiter des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung, im Interview

„Beste Lernbedingungen und Bildungschancen für die Schüler schaffen“, das möchte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann mit dem neuen Qualitätskonzept, in dessen Zuge zwei Einrichtungen ihre Arbeit zum 1. März aufgenommen haben: das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) und das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL). Letzteres bildet den Rahmen für Lehrerfortbildungen, die wissenschaftsbasiert sind, zentral gesteuert werden und den Schwerpunkt auf Unterrichtsqualität legen. Leiter des ZSL ist Dr. Thomas Riecke-Baulecke, der zuvor Direktor des Instituts für Qualitätsentwicklung in Schleswig-Holstein war.

Wir hatten die Gelegenheit mit ihm über das ZSL und dessen Aufgaben zu sprechen.  

Herr Dr. Riecke-Baulecke, mit der Gründung des ZSL gibt es viele Veränderungen: Insgesamt 5.000 Angestellte werden in sechs Regionen Baden-Württembergs in den Bereichen Ausbildung, Fortbildung und Beratung tätig sein. Was ist dabei gerade für Schulen so interessant?

Für Schulen ist neu, dass es an jedem Hauptsitz eine Leitstelle für pädagogische Unterstützung (LPU) gibt. Alle Anliegen seitens der Schulen können an diese gerichtet werden, um dann innerhalb der Regionalstelle weitergeleitet zu werden. Dies soll als eine einheitliche Kontaktstelle für jede Schule fungieren, die für alle Themen der Ausbildung, Fortbildung und Beratung ansprechbar sind.

Können Sie uns mehr zu den Aufgaben und Zielen des ZSL erzählen?

Einer der zentralen Aufgaben ist es ein Konzept für die Aus- und Fortbildung der Lehrenden zu entwickeln, in dem diese systematisch miteinander verknüpft und somit gestärkt werden. Das ZSL übernimmt dabei die Qualitätssicherung. Außerdem wollen wir Unterstützungsangebote für den Unterricht konzipieren sowie Beratungsangebote schaffen, zum Beispiel zur beruflichen Orientierung, für schulpsychologische Dienste oder zur Prävention. Auch internationale Kooperationsprojekte wollen wir weiterentwickeln. Im Rahmen des Qualitätskonzepts streben wir zudem an, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu verbessern und die Risikogruppen zu reduzieren, wofür auch der Bildungsplan genutzt werden muss. Um diese Pläne umzusetzen, soll ein evidenzbasiertes System der Lehrerausbildung in enger Zusammenarbeit mit der Empirischen Bildungsforschung entwickelt werden. Zur Steigerung der Leistung von Schülerinnen und Schüler muss zudem die Rolle der Schulaufsicht neu definiert und gestärkt werden.

Was werden ihre ersten Schritte sein, um diese Ziele umzusetzen?

In Bezug auf unsere Schwerpunkte Lehren und Lernen wollen wir zunächst ein für Baden-Württemberg neues System von fächer- und schulspezifischen Arbeitsgruppen einführen. Diese neue Struktur des Teamworks konzentriert sich auf einzelne Unterrichtsfächer. Dafür setzen wir auf der Landesebene Referentinnen und Referenten ein, die für einzelne Fächer der jeweiligen Schultypen zuständig sind. Es gibt also zum Beispiel Vertreterinnen oder Vertreter für das Fach Deutsch an Gymnasien sowie für Real- und Grundschulen usw. Besonders wichtig hierfür ist die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Schulen, um ein kohärentes System gewährleisten zu können. 

Welche Änderungen planen Sie für die Schulen, um diese Ziele zu erreichen?

Wir möchten beispielsweise eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulleiterinnen und Schulleitern aufbauen. Der Aufgabenbereich der Schulleitung umfasst sehr stark administrative Tätigkeiten. Dabei sind sie auch Experten in Sachen Lehrfragen. Schulleiterinnen und Schulleitern sollen deswegen wieder stärker das Lernen der Schülerinnen und Schüler ins Zentrum ihrer Arbeit rücken können, da sie neben den Lehrkräften auch für den Unterricht verantwortlich sind.

Die Schulleiterinnen und Schulleiter bleibt oft zu wenig Zeit, um den Unterricht zu besuchen und genauer zu beobachten. Wie genau stellen Sie sich das vor?

Trotz ihres hohen Arbeitspensums sollten sie künftig versuchen einige Stunden im Monat für Unterrichtsbesuche einzurichten. Dadurch entsteht ein fruchtbarer, regelmäßiger Austausch mit den Lehrkräften: Wie läuft es? Wie erfolgreich ist der Unterricht zurzeit? Auch das verwendete Lehrmaterial kann so effektiver analysiert werden.

Baden-Württemberg liegt in Sachen Digitalisierung sehr im Rückstand. Wie wollen Sie das ändern?

Wir haben da in der Tat Nachholbedarf. Das ZSL soll deswegen bei der Digitalisierung eine Vorbildfunktion einnehmen. Wir planen interne Umstrukturierungsprozesse durchzuführen, um eine intelligente Nutzung von digitalen Medien und Arbeitsabläufen zu erreichen. Dies heißt zum Beispiel auch: mobiles Arbeiten, um die Fahrzeit der Pendelnden zu reduzieren, mehr Online-Teammeetings und eine Vereinfachung der Arbeitsprozesse durch die Einführung einer papierlosen Administration, wie es sie in Schleswig-Holstein bereits seit dem letzten Jahr gibt. Wir richten außerdem eine Onlineplattform für Lehrkräfte ein, auf der sie nach Fortbildungen suchen können. 

Und was planen Sie, um Digitalisierung mehr an Schulen zu integrieren?   

Wir wollen mehr Projekte zur Entwicklung von künstlich intelligenten Hilfsmitteln fördern, beispielsweise mit dem „FeedBook“, ein interaktives Workbook für den Englischunterricht [entwickelt unter anderem von LEAD-Wissenschaftler Prof. Dr. Detmar Meurers]. Bis 2021 erhoffen wir uns außerdem eine größere Effektivität in der Lehrerausbildung durch Blended-Learning, einer Mischung aus Präsenzphasen, synchronen und aufgabenbezogenem asynchronen E-Learning.

Was planen Sie konkret um die Unterrichtsqualität in Baden-Württemberg zu verbessern?

Wir möchten einen Unterrichtserfassungsbogen entwickeln und einsetzen, der einerseits Schülerinnen und Schülern beim Lernen helfen kann und andererseits Lehrende unterstützt ihren eigenen Unterricht zu reflektieren. Die Schulleitung kann so besser erkennen, wo sie noch genauer hinschauen muss. Auch für die Ausbilderinnen und Ausbilder stellt der Erfassungsbogen ein hilfreiches Instrument dar. Mit diesem Projekt wollen wir eine größere Klarheit in der Lehrerausbildung und der Unterrichtsentwicklung erzielen. Gleichzeitig werden dadurch wirksame und nachhaltige Impulse gegeben, die zur Sicherung und Entwicklung der Unterrichtsqualität beitragen.

Können Sie das noch genauer erläutern?

Unsere Hypothese ist, dass wir diese Ergebnisse durch eine reine Unterrichtsbeobachtung nicht erreichen können. Die Sichtweise auf das Lehren und Lernen muss sich ändern. Dafür benötigt es mehr als solche Lerninstrumente. Wir wollen daher ein umfangreiches Programm aufbauen. Über die Dauer von drei bis vier Jahren sollen insgesamt 4.300 Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Ausbilderinnen und Ausbilder mit dem Erfassungsbogen qualifiziert werden. Das Projekt soll zusammen mit dem IBBW und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Universitäten entwickelt werden. Damit wollen wir auch die Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und dem ZSL stärken. Die Bestandteile des Projekts sind dabei einerseits der Feedbackbogen, andererseits aber auch ein Videoportal fürs Unterrichten und ein mehrstufiges Qualifizierungsprogramm für die Aus- und Fortbilderinnen und -bilder sowie die Schulleitung und die Leitung der Expertenkonferenzen. 

Das heißt, es wird sich auch bei der Lehrfortbildung einiges ändern?  

Ja, wir möchten in Zukunft mehr Vollzeitfortbilderinnen und -fortbilder einsetzen, die sich ausschließlich mit der Weiterbildung von Lehrenden beschäftigen. Von entscheidender Bedeutung ist, die kontinuierliche, unterrichtsbezogene und schulnahe Lehrerfortbildung zu stärken. Dafür bieten die digitalen Medien ganz neue Möglichkeiten, die derzeit erst in Ansätzen genutzt werden.

Wie lange wird es dauern, bis sich Verbesserungen zeigen werden?

Klar ist, dass ein langer Atem notwendig ist. Aber Baden-Württemberg hat ein ausgezeichnetes Fundament, viele qualifizierte und engagierte Kolleginnen und Kollegen an Schulen und in der Lehrerbildung. Bestimmt werden in zwei bis drei Jahren erste Effekte erkennbar sein. Wann sich diese Effekte in messbaren Verbesserungen der Schülerleistungen zeigen, lässt sich schwer sagen. In Schleswig-Holstein haben wir dafür auch viele Jahre hart arbeiten müssen.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem ZSL!

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