Großer Fisch im kleinen Teich: Der Big-Fish-Little-Pond-Effekt

Bildnachweis: Gabriele Zumofen

27.05.2020 | Von Moritz Fleischmann

Ziehen leistungsstarke Schülerinnen und Schüler schwächere Kinder immer mit? Wie eine Schülerin oder ein Schüler die eigenen Fähigkeiten in verschiedenen Schulfächern einschätzt, wird in der Wissenschaft „schulisches Selbstkonzept“ genannt. Ist es positiv, steigert es die Motivation und führt damit zu einer besseren Leistung.

Was das schulische Selbstkonzept eines Kindes erheblich beeinflusst, das haben Studien mehrfach gezeigt, ist die durchschnittliche Leistung in seiner Klasse. Anders ausgedrückt: Ein und dasselbe Kind wird in einer starken Klasse mit einiger Wahrscheinlichkeit ein niedrigeres schulisches Selbstkonzept entwickeln, als wenn es in einer leistungsschwachen Schulklasse lernt. Weil sich diese Schülerinnen und Schüler in schwachen Klassen wie große Fische im kleinen Teich fühlen, wurde das Phänomen Big-Fish-Little-Pond-Effekt genannt.

Weitreichende Folgen für die Bildungspraxis

Für die Bildungspraxis hat der Effekt weitreichende Folgen: Zum Beispiel sagt er vorher, dass im Mittel das schulische Selbstkonzept von jenen Schülerinnen und Schülern sinkt, die nach der Grundschule auf das Gymnasium gehen, weil sie sich dann in der Regel in einer leistungsstärkeren Klasse wiederfinden. Auch werden dem Effekt zufolge starke Schülerinnen und Schüler von schwächeren Kameradinnen und Kameraden nicht zwangsläufig ausgebremst, sondern könnten auch von ihnen profitieren, weil sie im Vergleich mit ihnen positiv auffallen. Umgekehrt haben starke Schülerinnen und Schüler nicht zwingend einen positiven Einfluss auf leistungsschwache Kinder, da diese sich mit ihnen vergleichen und ihr Selbstkonzept sinkt.

Was wir zudem herausfinden wollen, ist, ob die Vergabe von Schulnoten – die in der Regel einem ähnlichen Effekt ausgesetzt ist (ein und dasselbe Kind bekommt in einer stärkeren Schulklasse schlechtere Schulnoten) – für die Entstehung des Big-Fish-Little- Pond-Effekts mitverantwortlich ist. Außerdem forschen wir dazu, mit wem sich Kinder hauptsächlich vergleichen – etwa nur mit Schülerinnen und Schülern aus der eigenen Klasse, aus der gesamten Schule oder möglicherweise auch mit Kindern aus der Nachbarschaft.

Und wir untersuchen, wie sich eine Schulreform in Österreich auf das schulische Selbstkonzept ausgewirkt hat: Nach der Einführung der „Neuen Mittelschule“ wurden die Schülerinnen und Schüler nicht mehr in Leistungsgruppen aufgeteilt. Auf Grundlage des Big-Fish-Little-Pond-Effekts würde man erwarten, dass sich das gemeinschaftliche Unterrichten negativ auf das Selbstkonzept der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler ausgewirkt hat, da diese nach der Reform mit leistungsstärkeren Kindern unterrichtet wurden. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

Stichwort Big Fish-Little-Pond-Effekt: Der Effekt beschreibt das Phänomen, dass Schülerinnen und Schüler in einer leistungsschwächeren Klasse ein besseres schulisches Selbstkonzept besitzen, da soziale Vergleiche mit Mitschülerinnen und Mitschülern hier besonders positiv ausfallen.

Stichwort Grundschulempfehlung: Auch bei der Grundschulempfehlung spielt der Big-Fish-Little-Pond-Effekt eine Rolle: Je leistungsstärker die Mitschülerinnen und -schüler sind, desto geringer ist die Chance auf eine Gymnasialempfehlung bei gleicher eigener Leistung. 


Über den Autor:

Moritz Fleischmann ist Doktorand am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung und Mitglied im Forschungsnetzwerk LEAD Graduate School & Research Network.


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