„Ich wusste nicht, dass es Leute wie mich an der Universität gibt“

Wissenschaftskommunikation kann die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund verbessern.

Wissenschaftskommunikation kann ein Schlüssel zur Überwindung von sozialer Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Ausgrenzung sein. Vor allem direkte Interaktionen zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und benachteiligten Gruppen haben das Potenzial, Wissen über und die Begeisterung für die Naturwissenschaften in allen Teilen der Gesellschaft zu steigern.Dies zeigen erste Ergebnisse der Befragungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Projekts „Native Schools“, in dem die Organisation Native Scientist Workshops mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für Kinder und Jugendliche aus Migrantengemeinschaften konzipiert. In diesen haben Forscher wie Kinder den gleichen kulturellen Hintergrund und verständigen sich in ihrer jeweiligen Muttersprache. „Ziel ist es, nicht nur die Motivation der Schülerinnen und Schüler dafür zu steigern sich mit wissenschaftlichen Phänomenen auseinanderzusetzen, auch ihr Zugehörigkeitsgefühl und Selbstbewusstsein sollen gestärkt werden“, erklärt Jessika Golle, Professorin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, die mit Native Scientist kooperiert. Durch Befragungen von mehr als 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigte sich, dass sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von den Workshops zu profitieren scheinen. Letztere gaben sogar an, ihre Kommunikationsfähigkeit, ihre Kreativität und Anpassungsfähigkeit zu trainieren.

Fragen der Gleichberechtigung, Vielfalt und Inklusion werden zwar seit langem in der Forschung zu Wissenschaftskommunikation diskutiert. Jedoch repräsentieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die Zielgruppen der Wissenschaftskommunikation überwiegend die Merkmale und Werte der dominanten Gruppen. Um vor allem Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund naturwissenschaftliche Fragestellungen nahe zu bringen, hat die Organisation Native Scientist ein Format ins Leben gerufen, mit dem diese Kinder und Jugendlichen ganz gezielt erreicht werden können. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden dazu ermutigt, in Workshops mit ihnen über ihre Arbeit zu sprechen und zu erzählen, was ihre persönliche Motivation war, in der Wissenschaft zu arbeiten und wie sie dorthin gekommen sind. Mehr als 1.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich mittlerweile in insgesamt elf verschiedenen Sprachen in 28 Städten aus acht europäischen Ländern mit Kindern und Jugendlichen in den Workshops ausgetauscht.

Workshops in der jeweiligen Muttersprache geben das Gefühl von Zugehörigkeit und stärken das Selbstvertrauen

Ein entscheidender Aspekt ist die Konzentration auf Naturwissenschaften und Sprache. Kinder und Jugendliche ethnischer Minderheiten oder mit Migrationshintergrund beherrschen die fremde Landessprache oftmals nicht fließend und sie verstehen den Unterricht in den Naturwissenschaften aufgrund der übermäßigen Verwendung von Fachbegriffen nicht richtig. Deshalb finden die Workshops in der jeweiligen Muttersprache der Schülerinnen und Schüler statt. Das gibt ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit, ermöglicht ihnen Kompetenzerleben und stärkt sie in ihrem Selbstvertrauen. „Der Native Scientist Workshop war wichtig, weil ich nicht wusste, dass es Leute wie mich an der Universität gibt“, berichtete beispielsweise eine Schülerin nach der Teilnahme. Aber auch für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die oftmals skeptisch gegenüber Wissenschaftskommunikation eingestellt sind, weil sie zeitaufwendig ist, weil sie denken, dass es zu kompliziert ist, Laien ihre Forschung zu erklären oder weil sie Angst davor haben, dass sie Fragen nicht beantworten können, waren die Workshops eine gewinnbringende und positive Erfahrung.

„In anschließenden Befragungen haben sie berichtet, dass sie selbst neue Perspektiven gewonnen haben, dass auch ihr Selbstvertrauen gestiegen ist oder ihre Leidenschaft für die Forschung neu entfacht wurde“, erzählt Joana Moscoso, Mitbegründerin und Direktorin von Native Scientist. „Wenn die eigene Forschung sichtbarer wird, kann das auf beruflicher Ebene zudem die Chance erhöhen, an neue Finanzierungsmöglichkeiten für Projekte zu gelangen oder es erleichtert die Teilnahme an interdisziplinären Projekten.“ Die Wirksamkeit des Programms wird derzeit von Wissenschaftlerinnen am Hector-Institut in einer randomisiert-kontrollierten Evaluationsstudie überprüft.


Über die Autorinnen:

Jessika Golle ist Junior-Profesorin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Sie leitet die Forschungsgruppe Potenzialentwicklung und Hochbegabung.

Joana Moscoso ist Biologin, Mitbegründerin und Direktorin von Native Scientist.

Über Native Scientist:

Was 2013 als abenteuerliche Idee mit einem Workshop in einer Londoner Schule für portugiesischsprachige Kinder begann, hat sich inzwischen zu einem preisgekrönten europaweiten Programm entwickelt, das sich an Migrantengemeinschaften richtet. Die Vision von Native Scientist ist eine Welt, in der das Potenzial jedes Kindes voll ausgeschöpft werden kann, unabhängig von seiner Herkunft.

Originalpublikation:

Golle, J., Moscoso, J. A., Bordalo, J. M., & Catarino, A. I. (2022). How can we promote equity in science education? Trends in Cell Biology. Advance Online Publication. https://doi.org/10.1016/j.tcb.2022.04.005

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