Von Carla Cederbaum

Mathematik ist die Grundlage des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts unserer Gesellschaft. Es ist daher zentral, dass alle Schülerinnen und Schüler am Mathematikunterricht teilnehmen, den Schulstoff erlernen und in Ausbildung und Studium abrufen und darauf aufbauen können. Mathematiklehrkräfte stehen heute oft vor der Herausforderung, ethnisch, sprachlich und fachlich inhomogene Gruppen zu unterrichten. Auf diese Aufgabe sollten sie daher idealerweise bereits im Lehramtsstudium vorbereitet werden.

Hier knüpft das Projekt Mathematik! Studierende unterrichten Flüchtlinge an. Darin lernen Geflüchtete von Lehramtsstudierenden auf spielerische Art, mathematische Probleme zu lösen. Sie verbessern so ihre Qualifikation für die weitere Schul-, Berufs und Studienlaufbahn. Gleichzeitig trainieren Lehramtsstudierende den professionellen Umgang mit einer inhomogenen Gruppe ohne einheitliche Unterrichtssprache. Ihre erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse können sie professionell an der Schule oder beispielweise in der Jugendarbeit einsetzen.

Zur Vorbereitung ihres Unterrichts absolvierten 18 Mathematik-Lehramtsstudierende im Sommer 2016 ein Training, in dem sie sich in Improvisationsübungen und gemeinsam mit einem Coach für interkulturelle Kompetenzen mit der Arbeit mit geflüchteten Menschen auseinandersetzten. Anschließend konzipierten sie Spiele und Experimente zu mathematischen Themen von Algebra über Analysis und Geometrie bis hin zu Stochastik und Zahlentheorie, die sie dann in Gruppen mit den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern spielten.

Ein Spiel, das gleich in der ersten Woche zum Einsatz kam, setzt das sogenannte Ziegenproblem interaktiv um: Drei Becher stehen kopfüber auf einem Tisch, unter einem liegt (unsichtbar) eine Süßigkeit, die anderen beiden sind leer. Eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer (T) sucht sich einen Becher aus, der oder die anleitende Studierende (S) dreht dann einen der beiden anderen Becher um (immer einen ohne Süßigkeit). Nun fragt S T, ob er/sie den ausgesuchten Becher umdrehen möchte oder lieber zum dritten, noch ungeöffneten Becher wechseln möchte. T sucht sich einen der Becher aus, dreht ihn um und darf gegebenenfalls die Süßigkeit behalten.

Anschließend wird das Spiel mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wiederholt. Dabei werden ihnen Fragen gestellt, die zum systematischen Nachdenken anregen wie etwa „Könnt ihr ein Prinzip erkennen?“ oder „Warum hast Du diesen Becher gewählt? Ist es immer besser, zu wechseln/beim zuerst gewählten Becher zu bleiben?“

Ziel des Spiels seitens der Studierenden ist es zu ermitteln, welche Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich schon systematisch mit Wahrscheinlichkeiten und Häufigkeiten beschäftigt haben und welche nicht. Gleichzeitig stellt sich heraus, welche Teilnehmerinnen und Teilnehmer Probleme mit Bruchrechnen haben oder das Konzept eines Bruches (1/2, 1/3, 2/3) nicht kennen. In drei Gruppen gehen die Studierenden dann auf individuelle Vorkenntnisse ein. So beschäftigt sich eine Gruppe mit Brüchen, eine weitere mit Münzwürfen und einfachen Wahrscheinlichkeitsaufgaben und eine dritte malt Wahrscheinlichkeitsbäume für das Spiel.

Dieses und weitere Spiele und Experimente aus der Anfangsphase des Projekts werden auch heute noch eingesetzt, es kommen aber stets auch noch neue Ideen dazu. Von Grundrechenarten über Bruchrechnen bis hin zu partieller Integration und Vektorrechnung wird dabei so ziemlich jedes mathematische Thema angesprochen und eingeübt. Studierende und Dozenten dokumentieren Erfahrungen und Gelerntes als Blog. Auch die teilnehmenden Flüchtlinge sind eingeladen, an dem Blog mitzuwirken. Die Dokumentation dient sowohl der eigenen Reflexion als auch als Grundlage für andere Projekte ähnlicher Natur.

Im zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 geht der Unterricht in eine neue Runde. Alle geflüchteten Menschen mit Spaß an und/oder Lücken in Mathematik sind herzlich eingeladen, das offene Angebot zu nutzen. Aktuelle Termine und Orte sind im Blog des Projekts oder auf Facebook zu finden. Materialien zu den Spielen und Experimenten stellen die Projektverantwortlichen gerne zur freien Verfügung.

 

Weiterführende Links:

Blog von Mathematik! Studierende unterrichten Flüchtlinge: https://studierende-unterrichten-fluechtlinge.blogspot.de

Zu Service Learning im Schulkontext: http://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/zentrale-einrichtungen/tuebingen-school-of-education/arbeitsbereiche/professionsbezug/zertifikat-service-learning.html

Kontakt: JProf. Dr. Carla Cederbaum und Dr. Stefan Keppeler, refugees@math.uni-tuebingen.de

 

Das Projekt Mathematik! Studierende unterrichten Flüchtlinge wird bzw. wurde gefördert von der Vector Stiftung, dem DAAD, dem Fachbereich Mathematik und von der Universität Tübingen im Rahmen des WILLE-Projektes für Service Learning. Für den Kurs wurden die DozentInnen Carla Cederbaum und Stefan Keppeler mit dem Lehrpreis der Universität Tübingen ausgezeichnet.

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Lehrer gibt Schülerinnen Erklärung im Unterricht.