Lehramtsstudierende sollen besser auf Digitalisierung vorbereitet werden

 

Mit dem Digitalpakt soll eine digitale Infrastruktur an Schulen geschaffen werden. Denn in deutschen Klassenräumen sieht es nach wie vor recht traditionell aus. Laut einer Umfrage des Stark Verlags halten immerhin 21 Prozent der Lehrenden die Digitalisierung des Unterrichts nicht für notwendig und sogar 70 Prozent glauben, dass der Umgang mit digitalen Medien negative Lerneffekte hat (Digitalisierung an Schulen, o.D). Ähnlich technologiekritisch sind diejenigen, die deutsche Kinder auf die (digitale) Zukunft vorbereiten sollen: Lehramtsstudierende. Sie nutzen digitale Tools in Lernsituationen deutlich weniger als Studierende anderer Fächer (Schmidt, Goertz, & Behrens, 2017).

Diese Zahlen zeigen, dass es nicht ausreichen wird viel Geld in Schulen zu investieren. Denn am Ende muss es jemanden geben, der Tablets, Smartphones und das schnelle WLan auch nutzt – und das didaktisch sinnvoll. Investitionen in die digitale Bildung alleine reichen nicht aus, die Lehrkräfte müssen auch gut ausgebildet werden. Wie sieht es also an deutschen Hochschulen aus, in denen Lehramtsstudierende ausgebildet werden? Wie wird sich das Verständnis von Lernen und Lehren im digitalen Zeitalter verändern? Und was muss man beim Einsatz von digitalen Medien in der Schule beachten? Marike Andreas hat mit Prof. Dr. Andreas Lachner gesprochen.

 

Herr Prof. Lachner, wie gut, glauben Sie, sind deutsche Lehramtsstudierende auf die kommende Digitalisierung vorbereitet? Denn sie müssen die Digitalisierung ja schließlich umsetzen im Klassenzimmer.

Wenn wir es jetzt strukturell betrachten: In den ganzen Prüfungsordnungen ist ja selten ein Sterbenswörtchen über die digitalen Medien drin. Es gibt groß angelegte Studien mit Lehrkräften, da sehen sich 69 Prozent dazu in der Lage, medienbasierten Unterricht zu machen, OECD Standard ist aber 80 Prozent, da gibt es als eine Diskrepanz. Allerdings ist das auch eine Selbsteinschätzung. Aber das ist auch unser Eindruck bei unseren Studien, in denen wir Medienkompetenzen von Lehrkräften angucken: ich würde schon sagen, dass wir insgesamt auf einem guten Weg sind, aber die Luft nach oben ist deutlich spürbar. Das geben Lehrkräfte teils auch offen kund, dass sie nicht vorbereitet werden. Woher sollen denn die Medienkompetenzen auch kommen? Es geht ja auch darum digitale Medien didaktisch sinnvoll einzusetzen.

Sie haben den didaktisch sinnvollen Einsatz von digitalen Medien angesprochen. Ich habe mich vorher in das Thema Lernen mit digitalen Medien eingelesen und habe viel Forschung dazu gefunden, wie schwierig es ist, digitale Medien einzusetzen. Können Lehrkräfte ohne entsprechendes Fachwissen mit digitalen Medien nicht auch viel kaputt machen?

Die gleiche Frage könnte ich andersherum stellen: Können Bücher Unterricht kaputt machen? Ja können sie, wenn sie falsch eingesetzt werden. Ich finde diese Frage „Bringen digitale Medien was, oder nicht?“ da müsste man eher überlegen: Unter welchen Bedingungen können sie was bringen? Und dahingehend müssen Lehrkräfte aus- und fortgebildet werden. Wenn man sich früher gefragt hätte: Sollen wir jetzt Bücher an Schulen einführen oder nicht? Darum geht es doch gar nicht. Der Buchdruck kam und Schülerinnen und Schüler mussten lernen mit dem Medium Buch umzugehen. Und irgendwie müssen Schülerinnen und Schüler jetzt auch lernen mit digitalen Medien umzugehen. Da ist schon eine gesellschaftliche Relevanz da und das lernt man nicht unbedingt zu Hause. Ich glaube wenige Eltern sind da so kompetent, dass sie ihren Kindern Medienkompetenzen beibringen können. Da ist die Schule schon einer der zentralen Orte.

Glauben Sie nicht, dass Schülerinnen und Schüler diese Kompetenzen selber mitbringen? Wenn ich mir meine kleinen Cousinen angucke, die können alles mit dem Tablet.

Sie können vielleicht Whatsapp oder Snapchat, aber haben Sie sie schon mal eine Literaturrecherche durchführen lassen? Oder wie man das Tablet zum Lernen nutzen kann oder um sich Wissen einzuprägen? Da sind sie wahrscheinlich genauso gut oder schlecht wie alle anderen. Kennen sie Paul Kirschner? Das ist ein Lernforscher aus den Niederlandenund der hat gesagt: Stoppt den Mythos der Digital Natives! Klar, bei Apps wie Snapchat sind Jugendliche schnell, aber sie haben, was Datenschutz angeht, oft wenig Ahnung. Sie kommunizieren alles. Gerade wenn man sich anschaut: Wie gehe ich mit Quellen im Internet um, welchen Quellen kann ich vertrauen? Da ist noch Luft nach oben. Allein zu wissen, dass z.B. bei Suchmaschinen die Darstellung der Ergebnisse oft von bestimmten Unternehmen geprägt ist. Dass da so ein Bewusstsein vorhanden ist, glaube ich nicht.

Kennen Sie Positiv-Beispiele aus der Universität Tübingen für die Vermittlung von Medienkompetenz? Gibt es bereits entsprechende Veranstaltungen?

Ich gebe zum Beispiel Seminare zum Lehren und Lernen mit digitalen Medien im TüDiLab (einer gemeinsamen Einrichtung der Tübingen School of Education und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien, Anm. der Redaktion) und ich weiß von mehreren Fachdidaktiken, die starke mediale Bezüge in ihren fachdidaktischen Veranstaltungen haben, oft in den Naturwissenschaften. Aber das gibt es auch in den Geisteswissenschaften, wir haben zum Beispiel gerade ein Projekt mit der Philosophiedidaktik, mit der wir ein digitales Seminarkonzept entwickelt haben. Also, das gibt es schon, aber punktuell und nicht zwangsläufig flächendeckend.

Es deutet sich bereits an, dass sich unser Verständnis von Lernen und Unterricht in den nächsten Jahrzehnten durch die Digitalisierung grundsätzlich ändern wird. Wie wird der Unterricht der Zukunft aussehen? Etwas polemisch gefragt: Werden Schülerinnen und Schüler in Zukunft von Robotern unterrichtet?

Das ist jetzt nur meine Meinung: Das Bildungssystem ist ja sehr langsam. Bis sich da Änderungen durchsetzen vergeht noch einige Zeit. Ich weiß auch nicht ob sich das Bildungssystem durch digitale Medien komplett ändern wird, da handelt es sich ja auch einfach um Tools, als kognitive Werkzeuge, die man benutzen kann. Ich glaube auch nicht, dass man irgendwann nur noch von Robotern unterrichtet wird. Also die Rolle der Lehrkräfte kann sich ändern, dass man nicht immer nur der Gatekeeper ist „ich habe das Wissen und zeige euch wie der Hase läuft“, sondern eher zu einem Lernbegleiter wird. Aber ich weiß nicht, ob das so passieren wird. Ich fände es insgesamt schon schön wenn man versuchen würde konstruktive Prozesse stärker in den Unterricht zu integrieren. Da gibt es ja schon Ansätze, wie man das machen kann, zum Beispiel Flipped Classrooms.  Aber ob sich das so schnell in der Praxis niederschlägt ist die Frage.

Vielen Dank für das Interview!

 

Andreas Lachner ist Juniorprofessor für Lehren und Lernen mit digitalen Medien (in den Fachdidaktiken) an der Eberhard Karls Universität Tübingen und assoziierter Wissenschaftler in der Abteilung Multiple Repräsentationen am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM).

Marike Andreas ist Masterstudentin der Schulpsychologie und hat das Interview im Rahmen des Seminars „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“ geführt.

 

Zum Nachlesen:

Schmidt, U., Goertz, L., & Behrens, J. (2017). Monitor Digitale Bildung. #2 Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Bertelsmann Stiftung.

Digitalisierung an Schulen. Abgerufen von https://www.stark-verlag.de/lehrer/umfragen/digitalisierung

 

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