Von Gabriel Kornwachs – Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2008 schätzte den Anteil depressiver Jungen zwischen elf und 17 Jahren auf rund zwölf Prozent und den Anteil depressiver Mädchen in der gleichen Altersgruppe auf rund 20 Prozent. Laut statistischem Bundesamt waren zwei Prozent aller an Depression erkrankter Patientinnen und Patienten, die im Jahr 2015 stationär betreut wurden, jünger als 15 Jahre. Mit rund 4.600 betroffenen Kindern und Jugendlichen hat sich die Zahl in Deutschland im Vergleich zum Jahr 2000 somit verzehnfacht. Das hat auch Auswirkungen auf die Schule. Betroffene, die unter einer Depression leiden, klagen unter anderem über Antriebslosigkeit, niedergedrückter Stimmung, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche, die sich in der Schule unter anderem als Motivationsverlust, Interessenlosigkeit, einer reduzierten Informationsverarbeitung und schließlich schlechten Noten manifestieren können. Schlechte Noten können wiederum eine gedankliche Negativspirale in Gang setzen.

Lehrerinnen und Lehrer nehmen daher als eine der zentralen erwachsenen Bezugspersonen neben den Eltern eine wichtige Rolle ein, wenn es darum geht, ein depressiv anmutendes Verhalten frühzeitig zu erkennen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Schule einen Ort darstellt, in dem eine Früherkennung der Depression im Kindes- und Jugendalter möglich ist. In bisherigen Forschungsarbeiten zeigte sich immer wieder, dass sich Lehrkräfte überfordert und nicht gut genug darin ausgebildet fühlen, Depressionen bei ihren Schülerinnen und Schülern zu erkennen.

In unserer Studie wurde daher untersucht, inwiefern Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler die Ausprägung an Depressivität unter Schülerinnen und Schülern beurteilen können. Dazu haben wir 177 Acht- und Neuntklässlerinnen und -klässler sowie 20 Lehrkräfte an Schulen in Süddeutschland befragt. Die Besonderheit der Studie lag darin, die Eigenperspektive der Schülerinnen und Schüler mit der Fremdperspektive durch die Lehrkräfte, aber auch durch die Mitschülerinnen und Mitschüler abzugleichen. Dabei wurde deutlich, dass die Selbsteinschätzung von Schülerinnen und Schülern, wie stark sie von Depressivität betroffen sind, erheblich von der Fremdeinschätzung durch die Lehrkräfte abwich. Darüber hinaus zeigte sich, dass Mitschülerinnen und Mitschüler das Ausmaß an Depressivität einer betroffenen Person besser einschätzen konnten als Lehrkräfte.

Bemerkenswert war, dass Lehrkräfte dann wertvolle Beurteilungen lieferten, wenn man sie anstatt nach den Symptomen der Depression nach typischen Verhaltensweisen der Schüler und Schülerinnen befragte, die gemeinsam mit einer Depression im Schulalltag auftreten können und dort sichtbar werden, zum Beispiel schulische Leistungseinbußen, Motivationsverlust, Interessenlosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, häufige Fehlzeiten, körperliche Beschwerden und unsympathische Wirkung auf die Lehrerin oder den Lehrer. Auf diesem „indirekten Weg“ können Lehrer somit möglicherweise auch ohne Vorwissen zum Thema Depression bei der Früherkennung von Depressionen im Kindes- und Jugendalter behilflich sein. Selbstverständlich kann es neben einer depressiven Erkrankung viele andere Gründe geben, weswegen eine Schülerin/ein Schüler im Unterricht bspw. unmotiviert ist oder häufig fehlt. Dabei sollen Lehrkräfte jedoch selbst keine Diagnosen vergeben, sondern im Verdachtsfall weitervermitteln.

Zusammenfassend unterstreicht die Studie die Bedeutung der Lehrkräfte, wenn es darum geht, Depressionen frühzeitig zu erkennen. Daraus ergeben sich konkrete Handlungsvorschläge für Lehrkräfte. Zum einen können sie für ein unterstützendes Klassenklima sorgen, Mobbing früh unterbinden sowie Leistungsbewertungen mit einem motivierenden Feedback verknüpfen. Lehrkräfte können zum anderen präventiv agieren, indem sie bei Verdacht mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern sprechen, sowie Rücksprache mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Eltern halten. Dabei gilt es stets, die Rechte der Betroffenen zu wahren. Verfestigt sich ein Verdacht, so sollten Lehrkräfte den Betroffenen mögliche Hilfssysteme, wie den Gang zu einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin, aufzeigen. In dem Fall, dass eine Therapie zustande kommt, kann zum einen die Perspektive der Lehrkraft zur diagnostischen Abklärung wichtig sein, zum anderen kann die Lehrkraft – in Absprache mit der Therapeutin oder dem Therapeuten – bei der Umsetzung konkreter, therapeutischer Interventionen helfen.

 

Zum Nachlesen:

Depressivität unter Schülern – Prävention, Früherkennung und schulrelevante Korrelate

 

Dr. Gabriel Kornwachs arbeitet als Therapeut in der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität Tübingen. Die Studie hat er im Rahmen seiner Dissertation bei der Graduiertenschule & Forschungsnetzwerk LEAD durchgeführt.

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