Ulrike Cress im Interview: „Bildung muss mehr auf Forschung zurückgreifen“

24.06.2020 | Interview: Benigna Daubenmerkl

Das Wissen darüber, was Lernende motiviert und Verständnis erleichtert, hat die Forschung bereits. Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien, wünscht sich, dass das auch in der Bildung angewendet wird.

Das Schulfach der Zukunft?

Die Zukunft liegt im fächerübergreifenden und projektbezogenen Lernen. Allerdings erfordert auch diese Art des Wissenserwerbs Basiskenntnisse in Fächern wie Mathematik, Deutsch oder den Naturwissenschaften. Wenn Jugendliche in übergreifenden Projekten – wie dem Erforschen von Insektenbeständen – dieses Know-how anwenden und integrieren, erkennen sie, wie wichtig es ist. Gelingt dies nicht, erzeugen wir in den Schulen zu viel träges Wissen.

Digitalisierung bedeutet für die Zukunft …

… die selbstverständliche Integration digitaler Möglichkeiten in der Arbeit, im Lernen und in der Freizeit. Dabei werden digitale Werkzeuge selbst zunehmend intelligenter und können Aufgaben immer besser übernehmen. Für die Bildung heißt dies, dass wir Menschen auf diese neuen Situationen vorbereiten müssen. Bei vielen Phänomenen wie etwa der einseitigen Meinungsmache in sozialen Medien oder bei Fake News erkennen wir, dass die Ursache von Problemen nicht in der Existenz neuer Technik liegt, sondern darin, wozu der Mensch sie nutzt.

Porträtfoto: Prof. Ulrike Cress
Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien. Foto: IWM/Paavo Ruch
Bildungsherausforderungen – wo liegen sie?

Diversität ist eine der größten Herausforderungen in der Bildung. Eine gute Schule muss individuell auf alle Schülerinnen und Schülern eingehen. Sie muss Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten, geringen Deutschkenntnissen, aus bildungsbenachteiligten Familien aber auch Hochbegabten gerecht werden. Trotz dieser Vielfalt sollten sich alle als eine Lerngemeinschaft erleben, die aufeinander angewiesen ist und voneinander lernt. Auch der Lehrerberuf muss zur Teamarbeit werden.

Wir befinden uns im Jahr 2047. Wie werden wir lernen?

Nicht in sterilen Klassenzimmern, sondern in Lernräumen mit Lernmaterialien und Wissensmedien, die Lust aufs Lernen machen. Schülerinnen und Schüler helfen sich gegenseitig, unterstützt von Mentoren. Das Lernen ist verknüpft mit Wissens-Communitys im Netz sowie außerschulischen Lernorten wie Bibliotheken und Museen.

Ihre eigene Schulzeit: An wen oder was denken Sie besonders gerne zurück?

An gute Lehrerinnen und Lehrer, die nicht nur den Standard-Schulstoff vermittelt haben, sondern die die großen Fragen von Gesellschaft, Religion und Technik aufgeworfen haben.

Welche Länder sehen Sie heute als Vorreiter?

Die seit PISA viel beschriebenen nordischen Länder.

Was wünschen Sie sich vom Lernen der Zukunft?

Lernen sollte positiv besetzt sein. Kein Muss, sondern ein spaßmachendes Wollen. Ich erhoffe mir, dass gute Medien – seien sie analog oder digital – den Weg dafür bereiten. Für die Bildung wünsche ich mir, dass sie noch stärker auf Ergebnisse der Forschung zurückgreift. Denn wir wissen viel darüber, was Lernende motiviert, Wissen vertieft und das Verständnis erleichtert.

Lehrkräfte sind in 30 Jahren …

… top ausgebildet für alle Fragen der Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung. Sie sind teamorientiert und genießen aufgrund ihrer wichtigen Aufgabe und Expertise hohe Anerkennung in der Gesellschaft.


Über die Interviewpartnerin

Prof. Dr. Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen, forscht über Wissensmanagement, Massenkollaboration und digitale Lern- und Arbeitsumgebungen. Ulrike Cress ist Mitglied im LEAD Graduate School & Research Network.


Das Interview ist zuerst erschienen in didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2019, S. 24-25, www.didacta-magazin.de.

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