Von Caterina Gawrilow – Unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv. Das sind die klinischen Hauptmerkmale der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, die das öffentliche Bild von den Betroffenen bestimmen. Menschen mit ADHS werden jedoch auch als sehr spontan, neugierig, wissbegierig, begeisterungsfähig, lebendig, risikofreudig und witzig empfunden. Sie erwecken sogar mitunter den Eindruck, kreativer zu sein als ihre konzentrierteren Mitmenschen. Stimmt das?

Allgemein beschreibt Kreativität die Fähigkeit, etwas vorher nicht Dagewesenes, Originelles zu erschaffen. Die Ideen müssen dabei nicht nur neu und überraschend, sondern zudem nützlich und relevant sein. Sie zeigt sich unter anderem auch durch intensive Kenntnisse und eine große Motivation in dem Bereich, in dem sie ausgelebt wird – sei es Malerei, Musik oder Mathematik.

Nicht nur Laien, auch Wissenschaftler fasziniert die sprichwörtliche Nähe von Genie und Wahnsinn seit geraumer Zeit. Der Kreativitätstheorie des Psychologen Dean Keith Simonton von der University of California in Davis zufolge sind ungewöhnliche und unerwartete Erfahrungen, zu denen psychische Schwierigkeiten und Psychiatrieaufenthalte gehören, ein wichtiges Merkmal von Menschen, die im Laufe ihres Lebens kreative Meisterleistungen vollbringen.

Zwei Kernsymptome – Unaufmerksamkeit und Impulsivität – sind dafür verantwortlich, dass ein Zusammenhang zwischen Kreativität und ADHS besonders naheliegt. Die Unaufmerksamkeit führt sehr wahrscheinlich dazu, dass »Mind-Wandering«, das Wegwandern der Gedanken von der aktuellen Tätigkeit oder Umwelt hin zu Irrelevantem, bei Betroffenen häufiger auftritt. Positiv betrachtet kann dieses Abdriften nämlich auch zu neuen und nützlichen Ideen führen – also zu kreativen Einfällen. Menschen mit ADHS sind außerdem impulsiver und somit risikofreudiger: Sie wagen sich ohne Berührungsängste an neuartige Dinge und Situationen heran. Schon im Grundschulalter werden impulsivere Kinder von Lehrern als neugieriger wahrgenommen. Damit schaffen sich diese Schüler vermutlich mehr Lerngelegenheiten, was wiederum ihre Kreativität fördern könnte.

ADHS ist zudem eine hochgradig heterogene Störung. Es gibt nicht nur große Unterschiede zwischen Betroffenen, auch bei einzelnen Patienten ist die Symptomatik nicht zu jedem Zeitpunkt gleich ausgeprägt. Außerdem schwankt die kognitive Leistung relativ stark. Somit kann es vorkommen, dass Freunde, Partner, Eltern oder Lehrkräfte in Hochphasen das Gefühl haben, derjenige käme häufiger als andere auf originelle Ideen. Tatsächlich beobachten wir bei Kindern mit der Diagnose eine starke Fähigkeit zur Hyperfokussierung, also zum Flow-ähnlichen Aufgehen in einer Tätigkeit, was äußerst vorteilhaft für kreative, künstlerische Aufgaben ist.

Die bisherige Forschung des Zusammenhangs von ADHS und Kreativität zeichnet jedoch ein uneinheitliches Bild, was auch damit zusammenhängt, dass Kreativität sich mittels psychologischer Tests schwerer erfassen lässt als beispielsweise Intelligenz. Diejenigen Studien, die qualitativ hochwertiger sind und genügend Versuchspersonen einbeziehen, liefern allerdings bisher keine eindeutigen empirischen Belege dafür, dass Menschen mit ADHS tatsächlich die besseren Querdenker sind.

 

Caterina Gawrilow ist Professorin für Schulpsychologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen und assoziiertes Mitglied der Graduiertenschule LEAD. Sie erforscht Lernschwierigkeiten bei Kindern und Jugendlichen.

Der Beitrag erschien im Magazin „Gehirn & Geist“ (1/2018). Die Veröffentlichungsrechte wurden vom Verlag „Spektrum der Wissenschaft“ freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

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