Wie die Sprachkompetenz von Lehrkräften Kindern hilft, Schreiben zu lernen

16.11.2021 | Von Karin Berendes und Wolfgang Wagner

Ein erfolgreicher Start beim Schreibenlernen wirkt sich langfristig positiv auf spätere Leistungen aus. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die sogenannte „Phonembewusstheit“ von Grundschullehrkräften. Mit einem neuen Testinstrument können Forscherinnen und Forscher jetzt erfassen, wie gut es um diese Sprachkompetenz in Deutschland bestellt ist.

Sie schleichen sich in Supermärkte, Tiergärten und besonders gerne auch in Schulhefte: kleine – oft amüsante – Rechtschreibfehler wie die Tomaten aus „Schbanien“, der Besuch im „Tiapak“ oder die „Plezchen“, die Grundschülerinnen und -schüler besonders in der Vorweihnachtszeit gerne backen. Was hier passiert, ist die falsche Übertragung einiger Laute der zu schreibenden Wörter in die deutsche Orthografie. Denn obwohl unsere Schrift eine alphabetische ist, also eine, die Laute und Buchstaben einander zuordnet, unterscheidet sich das Schriftbild bei gleichen Lauten oft. So haben Äpfel und Enten auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Erst auf der Lautebene wird deutlich, dass sich beide Worte den gleichen Anlaut – ein [ɛ] – teilen. In der Schriftsprache wird daraus das „Ä“ in Äpfel ([ˈɛp͡fl]), und das „E“ in Ente ([ˈɛntə]). Die Zuordnung von Laut und Buchstabe ist daher nicht ganz so einfach, wie sie Schülerinnen und Schüler gerade am Schulanfang praktizieren. 

Gleicher Laut, unterschiedliche Buchstaben: Enten und Äpfel teilen sich den gleichen Anlaut.

Damit der Rechtschreiberwerb gelingt, müssen Kinder deshalb Rechtschreibstrategien erlernen – wie zum Beispiel: „Äpfel schreibe ich mit ‚Ä‘, weil ich bei Apfel ein ‚A‘ höre“. Die Voraussetzung dafür ist unter anderem die sogenannte Phonembewusstheit – also die Fähigkeit, Einzellaute einer Sprache unterscheiden und analysieren zu können.

Sie spielt beim Schreiben eine bedeutende Rolle. So müssen Laute wahrgenommen und in Buchstaben überführt werden. Eine ausgeprägte Phonembewusstheit ermöglicht es Kindern, diesen regelhaften Zusammenhang von Buchstaben und Lauten zu begreifen und ein grundlegendes Verständnis des alphabetischen Prinzips der Schriftsprache zu erwerben, sodass darauf aufbauend Rechtschreibstrategien erworben werden können. Die Förderung der Phonembewusstheit gilt daher als eine der wesentlichen Aufgaben des schriftsprachlichen Anfangsunterrichts und Lehrkräfte sind dazu angehalten, entsprechende Übungen in ihren Unterricht zu integrieren.

Damit angehende Primarschullehrkräfte über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, entsprechende Übungen kompetent anleiten zu können, müssen sie jedoch auch selbst über eine ausgeprägte explizite Phonembewusstheit verfügen.

Phonembewusstheit gezielt fördern

Dass das nicht immer der Fall ist, zeigen Ergebnisse aus dem anglo-amerikanischen Raum. Vor allem in den USA konnten Studien zeigen, dass eine bedeutende Anzahl von Lehrkräften für die erste Klasse nicht ausreichend qualifiziert ist, um geschriebene Wörter in ihre Einzellaute zu zerlegen. Damit fehlen ihnen die notwendigen Fähigkeiten, ihren Schülerinnen und Schülern eine fehlerfreie Förderung der Phonembewusstheit anzubieten und Schwierigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler beim Rechtschreiben einzuordnen. Denn nur wenn Lehrkräfte selbst über eine ausgeprägte Phonembewusstheit verfügen, können sie hochwertige und besonders leistungsförderliche Übungen für den Schriftspracherwerb durchführen.

Im deutschsprachigen Raum fehlten bislang Untersuchungen dazu, wie gut angehende oder auch bereits tätige Primarschullehrkräfte im Bereich der Phonembewusstheit qualifiziert sind. Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Regensburg und eine Wissenschaftlerin der SRH Hochschule für Gesundheit in Stuttgart haben nun ein Testinstrument entwickelt, mit dem auf Basis schriftlich dargestellter Wörter die Phonembewusstheit von (angehenden) Lehrkräften überprüft werden kann. „Wir haben erste Hinweise darauf, dass die Ergebnisse ähnlich ausfallen wie in den USA“, so Erstautorin Karin Berendes, mittlerweile Professorin an der SRH Hochschule für Gesundheit in Stuttgart. „Mit unserem Test besteht nun auch für den deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, die Phonembewusstheit systematisch zu überprüfen.“

Das Testinstrument wurde bereits an 271 Studierenden für das Grundschullehramt in Baden-Württemberg und Bayern erprobt. Es soll zunächst für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt werden. „Der Einsatz des Tests in der Aus- und Fortbildung kann wichtige Informationen über den Bedarf und die Ausrichtung von Lehrkräftefortbildungen geben“, erklärt Berendes. Denn die Phonembewusstheit von (angehenden) Lehrkräften könne sowohl in der Hochschulausbildung als auch in der beruflichen Weiterbildung erfolgreich verbessert werden. Und eine verbesserte Phonembewusstheit der Lehrkraft gehe letztlich mit einer erhöhten Aufgabenquantität und -qualität einher, von der sich auch verbesserte Leistungen der Schülerinnen und Schüler erwarten lassen.


Über die Autorin und den Autor

Karin Berendes ist Professorin für Logopädie/Sprachtherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit in Stuttgart.

Wolfgang Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung.

Publikation

Berendes, K.*, Wagner, W.* & Böhme, R. (2021). Phonembewusstheit nach schriftsprachlichem Input – Entwicklung eines Instruments für angehende Primarschullehrkräfte. Diagnostica, 67(3), 149–160. https://doi.org/10.1026/0012-1924/a000272.

*geteilte Erstautor*innenschaft

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