„Wunderkind“ oder „sozial inkompatibles Genie“? Was Vorurteile über Hochbegabung aussagen

Förderung besonders begabter Kinder in den Hector Core Courses; hier zum Thema: Sicher experimentieren im Chemielabor. Foto: Berthold Steinhilber

21.10.2021

Studien zu Hochbegabung zeigen, dass sich Hochbegabte und durchschnittlich Begabte in sozialer und emotionaler Hinsicht sehr ähnlich sind. Dennoch hält sich in vielen Köpfen das Klischee, Menschen mit einem hohen IQ seien sozial schwierig und emotional labil. Eine neue Studie geht weitverbreiteten Stereotypen auf den Grund.

Was Hochbegabung ist, lässt sich dabei zunächst gar nicht so leicht beantworten. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis existieren unterschiedliche Auffassungen für den Terminus der besonderen Begabung oder der Hochbegabung. Intellektuelle Hochbegabung wird daher durch eine Vielzahl verschiedener Konzeptionen und Definitionen erfasst. Dennoch haben die meisten Menschen eine klare Vorstellung davon, wie sich Hochbegabung äußert: Überflieger, Nerd, Einzelgängerin, Störenfried sind nur einige der Vorurteile, denen sich hochbegabte Menschen häufig gegenübersehen. Einen der Gründe dafür sieht Nadja Karossa, Absolventin des Masterstudiengangs Empirischen Bildungsforschung und Pädagogischen Psychologie an der Universität Tübingen, in der Sozialisationsfunktion von Medien. In Filmen, Literatur und Serien dominieren häufig zwei weit verbreitete Stereotype die Darstellung von Hochbegabten, die sich durch alle Genres ziehen: das „Wunderkind“ oder das „sozial-inkompatible Genie“. Dazu zählen zum Beispiel Meisterdetektiv Sherlock Holmes, der als psychisch labil gilt, der nerdige Sheldon Cooper aus der Fernsehserie „The Big Bang Theory“ oder die brilliante Matilda aus dem gleichnamigen Kinderfilm von 1996. Das Bild, das diese Figuren über Hochbegabung vermitteln, ist jedoch weniger von wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt als vom Hang zu einer packenden Storyline.

„Das negative Bild von Hochbegabten dominiert“: Die Disharmonie-Hypothese

Welchen Stereotypen die Deutschen über Hochbegabung nachhängen und wie verbreitet diese sind, hat die Psychologin Tanja Baudson an der Universität Duisburg-Essen in einer empirischen Studie untersucht. Ihre Ergebnisse lassen sich den oben bereits skizzierten Urteilstypen „Wunderkind“ oder „sozial-inkompatibles Genie“ zuordnen. Beiden Urteilen ist dabei zunächst gemein, dass sie Hochbegabung mit einer hohen Intelligenz und Leistungsfähigkeit verbinden. Nur der „disharmonische“ Urteilstyp schreibt Hochbegabten außerdem zu, dass sie anfälliger für psychische Probleme und Defizite im sozio-emotionalen Bereich sind. Von über 1000 Befragten in Baudsons Studie folgen zwei Drittel dem disharmonischen Urteilstyp. Die Mehrheit der Befragten begegnet besonders begabten und hochbegabten Menschen demnach mit einem negativen Vorurteil. 

Hochbegabte als „Wunderkind“: Die Harmonie-Hypothese

Ein weitaus positiveres Bild von Hochbegabten haben dagegen Menschen, die dem „harmonischen“ Urteilstyp folgen. Sie gehen vom genauen Gegenteil der Disharmonie-Hypothese aus: Hochbegabte werden als psychisch stabiler, glücklicher, erfolgreicher und gesünder als durchschnittlich Begabte wahrgenommen. „Diese Annahmen konnten bereits in einigen Studien belegt werden“, erklärt Karossa. Genau dieser Typ findet sich in Filmen, Romanen und Serien jedoch selten. 

Was ist dran an den Stereotypen zu Hochbegabung? 

In welchem Zusammenhang die Persönlichkeit und die Intelligenz stehen, hat Nadja Karossa anhand einer Stichprobe mit Grundschulkindern (siehe Infobox) genauer untersucht. In ihrer Masterarbeit analysierte sie dafür Unterschiede in der Persönlichkeit von besonders begabten Kindern im Vergleich zu allen anderen Kindern. Das dabei verwendete sechsdimensionale Persönlichkeitsmodell erlaubte es ihr, die Persönlichkeit der teilnehmenden Kinder genau zu beschreiben.  Dieses sogenannte Hexaco-Modell setzt sich aus den Faktoren Ehrlichkeit-Bescheidenheit (H), Emotionalität (E), Extraversion (X), Verträglichkeit (A), Gewissenhaftigkeit (C) und Offenheit für Erfahrung (O) zusammen, wobei sich jeder Faktor aus vier Facetten zusammensetzt.

Woher stammen die Daten?
Die verwendeten Daten aus der Masterarbeit stammen aus den Hector Kinderakademien, einem Förderprogramm für besonders begabte und hochbegabte Grundschulkinder aus Baden-Württemberg. Die Stichprobe, mit der die Berechnungen durchgeführt wurden, setzte sich aus 2.751 Schülerinnen und Schülern aus 181 dritten Klassen an 109 Schulen in Baden-Württemberg zusammen. Für die Berechnung von Gruppenunterschieden wurden die Drittklässler anhand ihres Intelligenzquotienten (IQ) in zwei Gruppen aufgeteilt. Entsprechend des Cut-Off-Werts (dem Trennwert, der definiert, ab welchem IQ die Probanden einer der Gruppen zugeteilt werden) wurden Schülerinnen und Schüler mit einem IQ > 110 als besonders begabt bzw. hochbegabt und Schülerinnen und Schüler unter diesem Wert (IQ ≤110) als durchschnittlich begabt eingestuft. Insgesamt wurden n = 307 als besonders begabt und n = 1.207 als durchschnittlich begabt eingestuft. Für die Analyse der Persönlichkeitseigenschaften der Kinder wurden die Elterneinschätzungen verwendet. 

Die Erkenntnisse, die Nadja Karossa aus ihrer Studie gewonnen hat, geben Hinweise darauf, dass zwischen der Persönlichkeit von durchschnittlich und besonders begabten Kindern leichte Unterschiede bestehen. Demnach weisen hochbegabte Kinder durchschnittlich höhere Ausprägungen bei den Facetten „Fleiß“, „Perfektionismus“ und „Besonnenheit“ aus dem Faktor Gewissenhaftigkeit und bei den Facetten „Sinn für Ästhetik“ und „Wissbegierde“ aus dem Faktor Offenheit für Erfahrung auf. Eine weitere Auffälligkeit, die Karossa in ihrer Arbeit feststellte, steht in Einklang mit der Disharmonie-Hypothese: Demnach sind besonders begabte Kinder durchschnittlich weniger „gesellig“ als durchschnittlich begabte. Mögliche Erklärungen hierfür finden sich bis dato nur in Studien aus den 1970er und 1980er-Jahren. Genannt werden dabei unter anderem eine mögliche erhöhte soziale Sensibilität und der Einfluss der häuslichen Umgebung.

Die weitverbreiteten Stereotype scheinen diese leichten Unterschiede in der Persönlichkeit von durchschnittlich und besonders begabten Personen demnach zu überhöhen und zuzuspitzen. Im Schnitt sind Hochbegabte jedoch „auch nicht verrückter als der Rest der Menschheit“, bringt es Psychologin Baudson in einer schriftlichen Mitteilung zu ihren Forschungsergebnissen auf den Punkt und fordert Wissenschaft und Praxis dazu auf, das Bild besonders Begabter bzw. Hochbegabter in der (medialen) Öffentlichkeit zu korrigieren. Karossas Forschungsergebnisse sind dabei ein Schritt in die – wortwörtlich – richtige Richtung. 


Über die Autorin der Studie:

Nadja Karossa ist Masterabsolventin (M.Sc.) der Empirischen Bildungsforschung und Pädagogischen Psychologie der Universität Tübingen und hat es sich im Rahmen ihrer Masterarbeit zur Aufgabe gemacht, die stereotype Darstellung von Hochbegabten wissenschaftlich zu hinterfragen – und dabei teilweise überraschende Erkenntnisse zum Zusammenhang von Intelligenz und Persönlichkeit gewonnen.

Zum Weiterlesen:
  • Ablard, K. E. (1997). Self-perceptions and needs as a function of type of academic ability and gender. Roeper Review20(2), 110. Retrieved from http://10.0.4.56/02783199709553870
  • Baudson, T. G. (2016). The mad genius stereotype: Still alive and well. Frontiers in Psychology7, 368. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00368
  • Rothenberg, B. B. (1970). Children’s social sensitivity and the relationship to interpersonal competence, intrapersonal comfort, and intellectual level. Developmental Psychology2(3), 335.
  • Falk, C. R. (1986). Children’s perceptions of the dimensions of divorce and its effects on school life. University of Connecticut.
  • Hoge, R. D., & Renzulli, J. S. (1993). Exploring the link between giftedness and self-concept. Review of Educational Research63(4), 449–465. https://doi.org/10.3102/00346543063004449
  • Karnes, F. A., & D’llio, V. R. (1988). Comparison of gifted children and their parents’ perception of the home environment. Gifted Child Quarterly32(2), 277–279.
  • Ketcham, B., & Snyder, R. T. (1977). Self-attitudes of the intellectually and socially advantaged student: Normative study of the Piers-Harris children’s self-concept scale. Psychological Reports40(1), 111–116. https://doi.org/10.2466/pr0.1977.40.1.111
  • Lehman, E. B., & Erdwins, C. J. (1981). The social and emotional adjustment of young, intellectually-gifted children. Gifted Child Quarterly25(3), 134–137. https://doi.org/10.1177/001698628102500311
  • Martin, L. T., Burns, R. M., & Schonlau, M. (2010). Mental disorders among gifted and nongifted youth: A selected review of the epidemiologic literature. Gifted Child Quarterly54(1), 31–41. https://doi.org/10.1177/0016986209352684
  • Mueller, C. E. (2009). Protective factors as barriers to depression in gifted and nongifted adolescents. Gifted Child Quarterly53(1), 3–14. https://doi.org/10.1177/0016986208326552
  • Reis, S. M., & Renzulli, J. S. (2004). Current research on the social and emotional development of gifted and talented students: Good news and future possibilities. Psychology in the Schools41(1), 119–130. https://doi.org/10.1002/pits.10144
  • Zeidner, M., & Shani-Zinovich, I. (2011). Do academically gifted and nongifted students differ on the Big-Five and adaptive status? Some recent data and conclusions. Personality and Individual Differences51(5), 566–570. https://doi.org/10.1016/j.paid.2011.05.007

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Kommentare
  • Cornelia Klioba
    Antworten

    Was mich hinsichtlich der Studie von Nadja Karossa etwas verwundert, ist das Abweichen von der üblichen Definition für Hochbegabung, nach der man ab einem IQ von 130% vom Vorliegen einer Hochbegabung spricht. Der deutlich erweiterte Stichprobenraum verschleiert dann möglicherweise die vorliegenden Unterschiede.

    Niedrige Werte im Bereich Verträglichkeit sagen etwas über die Anpassungsbereitschaft aus, die man nicht mit sozialer Kompetenz verwechseln darf. Menschen hoher Offenheit und niedriger Verträglichkeit sind in der Lage, neue Perspektiven zu entwickeln und auch gegen Widerstände für diese einzutreten, sie beugen sich nicht so leicht dem Gruppendruck. Da man als Hochbegabte:r weiter von der Norm, die ja dem Durchschnitt entspricht, entfernt ist, ginge zu viel Anpassung wohl auch zu Lasten der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Begabungen.

    Außerdem darf man nicht vergessen, dass alle Menschen passende Spiegel suchen und deren Resonanz für ihre Entwicklung benötigen. Da haben es hochbegabte Menschen nicht so leicht, sie finden seltener Kontakte innerhalb ihres Intelligenzbereiches. Das mag erklären, warum Hochbegabte als weniger gesellig und distanziert wahrgenommen werden. Man spürt doch auch die bei einer erschreckend hohen Zahl vorhandenen negativen Vorurteile und öffnet sich denen eher nicht, die sie vor sich her tragen.

    Es wird oft übersehen, was für eine riesige Anpassungsleistung Hochbegabte Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene tagtäglich erbringen, da der Entwicklungsrahmen so oft überhaupt nicht zu den inneren Entwicklungsbedürfnissen passt. Es lohnt sich, die Studie von Barbara Schlichte-Hiersemenzel zu Entwicklungsschwierigkeiten Hochbegabte Kinder und Jugendlicher (im Auftrag des BMBF geschrieben), erneut zur Hand zu nehmen – sie hat ein umfassendes Verständnis für die Bedürfnisse Hochbegabter und vermag dies klug und feinfühlig zu vermitteln.

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