Von Eike Wille und Nicolas Hübner – In Deutschland zeigen Schülerinnen nach wie vor eine schlechtere Mathematikleistung als Schüler, sind weniger motiviert und interessiert an mathematisch-naturwissenschaftlichen Themen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist das unterschiedliche Kurswahlverhalten in der Oberstufe: Schülerinnen wählen deutlich seltener Mathematikleistungskurse als Schüler. Doch was passiert, wenn alle Schülerinnen und Schüler Mathematik verpflichtend auf Leistungskursniveau belegen müssen? Verschwinden die Geschlechtsunterschiede in der Mathematikleistung? Sind Schülerinnen genauso motiviert in Mathe und genauso interessiert an mathematisch-naturwissenschaftlichen Tätigkeiten wie Schüler? Entscheiden sie sich später vielleicht sogar eher für eine solche Studienrichtung? Diesen Fragen sind wir im Rahmen einer Studie zur Oberstufenreform in Baden-Württemberg nachgegangen.

Wir verglichen Daten von jeweils rund 4.700 Schülerinnen und Schülern vor und nach der Oberstufenreform von Baden-Württemberg im Jahr 2002.Seit dieser Reform muss das Kernkompetenzfach Mathematik von allen Schülerinnen und Schülern vierstündig in den letzten beiden Jahrgangsstufen vor dem Abitur belegt werden. Eine Belegung auf „Grundkursniveau“ mit weniger Unterrichtsstunden ist nicht mehr möglich. Ziel der Reform war es, eine hohe Qualität an Mathematikkenntnissen für alle Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten.

Das Ergebnis unserer Studie: Die Leistungsunterschiede in Mathe zwischen Mädchen und Jungen waren nach der Reform kleiner als zuvor, auch wenn nach wie vor die Jungen besser abschnitten. Umso erstaunlicher war es, dass die Mädchensich dessen gar nicht bewusst waren: Im Gegenteil, obwohl die Abiturientinnen nach der Reform bessere Matheleistungen erbrachten als zuvor, schätzten sie diese im Vergleich zu den Jungen noch schlechter ein. Wir vermuten, dass dies am gestiegenen mittleren Leistungsniveau der Klassen liegt, denn Schülerinnen haben vor der Reform häufiger Grundkurse mit einem niedrigeren Leistungsniveau gewählt als Schüler. Bei der Einschätzung der eigenen Leistung spielen soziale Vergleichsprozesse eine große Rolle.

Die Schülerinnen zeigten zudem kaum höhere Interessen im MINT-Bereich, während Schüler nach der Reform noch stärker an technisch-praktischen oder forschend-intellektuellen Tätigkeiten interessiert waren. Dies deutet aus unserer Sicht darauf hin, dass mit Hilfe von Schulreformen auch Interessen beeinflusst werden können. Allerdings ist dieser Zusammenhang bisher noch wenig erforscht.

Die Geschlechtsunterschiede bei der späteren Studienfachwahl im Bereich der mathematisch-technischen MINT-Fächer haben sich durch die Reform nicht verändert. Hier entscheiden sich immer noch deutlich mehr Männer als Frauen für diese Studiengänge.

Die Ergebnisse lassen sich in eine Reihe von Studien einordnen, die zeigen, dass Bildungsreformen häufig zu deutlich geringeren Effekten führen als ursprünglich erwartet. Darüber hinaus werden sie in vielen Fällen auch von unerwarteten „Nebenwirkungen“ begleitet. Hieraus lässt sich die besondere Relevanz von bildungswissenschaftlicher Begleitforschung ableiten, die helfen kann, solche Nebenwirkungen rasch zu identifizieren und Reformen entsprechend zu adjustieren. Bildungsforschung kann aus unserer Sicht den Unterschied zwischen auf politischen Aktionismus beruhenden Schülerexperimenten und einer verantwortungsvollen, evidenzbasierten Bildungspolitik ausmachen.

 

Zum Nachlesen:

Hübner, N.*, Wille, E.*, Cambria, J., Oschatz, K., Nagengast, B., & Trautwein, U. (2017). Maximizing Gender Equality by Minimizing Course Choice Options? Effects of Obligatory Coursework in Math on Gender Differences in STEM. Journal of Educational Psychology. doi: 10.1037/edu0000183

*The first two authors contributed equally to this work and are listed in alphabetical order.

 

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