Lehrkräftefortbildung durch soziale Medien!?

Von Maike Weynand, Joseph Ferdinand und Christian Fischer

Soziale Medien bieten die Chance zum schnellen Austausch von Informationen und Material zwischen Lehrkräften. Ebenfalls könnten sie eine wichtige Rolle beim Ausbau digitaler Fortbildungsmöglichkeiten einnehmen, da sie Möglichkeiten eröffnen, mit anderen Lehrkräften in Kontakt zu treten und Lerngemeinschaften zu gründen, wodurch Professionalisierungsprozesse vorangetrieben werden können. Bisher sind soziale Medien zwar noch nicht als berufliches Fortbildungsformat anerkannt, sie bergen jedoch durchaus das Potential, das traditionelle Verständnis von Fortbildung möglicherweise zu erweitern.

Die Nutzung sozialer Medien ist aus dem Alltag vieler nicht mehr wegzudenken. Auch und besonders in der Schule stellt die Auseinandersetzung mit sozialen Medien von daher einen zunehmend wichtigen Bereich dar. Schülerinnen und Schüler nutzen soziale Medien wie Facebook und Instagram beispielsweise zum Austausch mit Freunden und zur Darstellung ihrer Identität. Vor diesem Hintergrund können sowohl Lernende als auch Lehrende von den Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Technologien profitieren (vgl. Shaltry et al., 2013).

Das Wissen über soziale Medien und der sichere Umgang mit ihnen ist daher eine wichtige Kompetenz; nicht nur bei Lernenden, sondern vor allem auch im fortlaufenden Professionalisierungsprozess der Lehrkräfte. Es lässt sich fragen, inwiefern hier soziale Medien auch der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften dienlich sein könnten. In Plattformen wie Twitter, Facebook, Reddit, Pinterest und vielen anderen tummeln sich bereits zahlreiche Diskussionsforen, Webinarangebote und Gruppen, die speziell auf Lehrkräfte ausgerichtet sind.

Die Verknüpfung von sozialen Medien und Formen der Fort- und Weiterbildung können dabei als communities of practice gesehen werden (Lave, 1991). Dabei handelt es sich um Lerngemeinschaften, in denen beispielsweise hierarchische Unterschiede weniger betont werden. Stattdessen wird von unterschiedlichen Partizipationsgraden gesprochen. Newcomer beispielsweise sind von Anfang an Teil der community of practice und werden zunehmend in ihrem Lernprozess und ihrem Zuwachs an Wissen und Kompetenzen zu Experten (vgl. Lave, 1991).

Chancen von sozialen Medien zur Fort- und Weiterbildung

Die Nutzung sozialer Medien zur Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften eröffnet einige Chancen und Möglichkeiten. Exemplarisch kann dies am Beispiel der Facebookgruppe „Lehrer aller Fächer und Schulformen, vereinigt euch!“ ersichtlich werden. Bereits im Titel wird die Zielgruppe dieser community of practice deutlich, denn die Gruppe richtet sich an Lehrende aller Schulformen und Fächer und verweist damit auf das Ziel, eine integrative Lehrgemeinschaft herzustellen. Diese Online-Community dient zum einen als Informations- und Austauschplattform für Themen und Materialien jeglicher Art, angefangen beim Teilen von Unterrichtsentwürfen über Verweise auf thematisch passende Webinare bis hin zu Petitionen. Anderen bietet sie einen Interaktionsraum, in dem Diskussionen stattfinden und Fragen, Ideen und Anregungen für konkrete Unterrichtsentwürfe gestellt und geteilt werden können.

Dies kann besonders für die aktuelle Unterrichtsplanung sehr wertvoll sein, da Lehrkräfte unmittelbares Feedback für ihre Ideen oder Anregungen von anderen erhalten. Dabei steht insbesondere die Möglichkeit zum kollaborativen Lernen im Vordergrund, anstelle von Lehrformen, bei denen die Lehrenden im Mittelpunkt stehen und die oftmals in traditionellen Fortbildungsangeboten eingesetzt werden, zum Beispiel die frontale Wissensvermittlung.

Die Facebookgruppe „Lehrer aller Fächer und Schulformen, vereinigt euch!“

Online-Communities ermöglichen eine schnelle, günstige und flächenübergreifende Möglichkeit, in Kontakt mit anderen Lehrenden zu treten. Hier besteht ein zeitlich flexibler und unbegrenzter Zugang zu den Nutzungsmöglichkeiten digitaler Fortbildungen (vgl. Fischer, Fishman, Schoenebeck, 2019). Durch den Kontakt zu vielen anderen Mitgliedern können Lehrkräfte so von der Expertise anderer engagierter Lehrkräfte mit unterschiedlichen Fächern profitieren, was gerade beispielsweise für Lehrende an kleineren Schulen im ländlichen Raum eine wertvolle Ergänzung sein kann, da so ein Austausch über das eigene Umfeld hinaus möglich wird.

Durch die Option, Beiträge zu kommentieren, zu liken oder zu teilen, findet eine Bewertung der Beiträge durch viele Personen statt, wodurch sich der Einzelne ein Bild zum qualitativen Gehalt des Beitrags machen kann. Die traditionelle Vorstellung von Expertise, bei dem beispielsweise in Personen mit Professoren- oder Doktortiteln Vertrauen gelegt wird, kann so aufgebrochen und durch eine weniger hierarchische Struktur ersetzt werden, in der jeder die Lernumgebung nach seinen Vorstellungen mitgestalten kann.

Zudem profitieren nicht nur die sich aktiv Austauschenden von den Diskussionen und Beiträgen; auch passive Mitglieder, die sogenannten „lurker“ können den Geschehnissen in Online-Communities folgen und davon profitieren (vgl. Frumin et al., 2018). Durch die Möglichkeit, seinen Account eher anonym zu halten, können Benachteiligungen aufgrund bestimmter Merkmale beispielsweise bezüglich Aussehen, Herkunft und sozialem Milieu eingedämmt werden und so Personen zu Wort kommen, die am Alltagsgeschehen eher peripher partizipieren. Gerade angehenden oder frisch gebackenen Lehrkräften kann dies zu Gute kommen, da weniger Vorwissen nötig ist, um mitgestalten zu können. Im Gegenteil, durch das Fragen nach Inspiration und Hilfe entwickeln sich gemeinschaftlich generierte Ideen und Lösungsansätze.

Herausforderungen von sozialen Medien zur Fort- und Weiterbildung

Neben vielen Chancen und Möglichkeiten gibt es auch einige Herausforderungen und Grenzen, die zu erwähnen sind. Gerade wenn es um die Bewertung der Qualität von Aussagen und Beiträgen geht, stellt sich die Frage, wer hier das Diskursmonopol besitzt und inwiefern die Qualitätsmarker funktionieren, also ob häufiges „Liken“ und „Sharen“ tatsächlich mit der Qualität von Aussagen in Verbindung gebracht werden kann oder nicht. Außerdem können Faktoren wie Desinformation die Qualität dieser Fortbildungsmöglichkeit gefährden oder zumindest mindern. Eine weitere Herausforderung liegt im Umgang mit Hasskommentaren, offensivem Sprachstil und eventuellen Mobbingprozessen, für die eine Facebookgruppe durch die Kommentarfunktion Nährboden bieten kann. Eine gewaltfreie Kommunikationsumgebung zu schaffen ist daher elementar für die Entfaltungsmöglichkeiten einer digitalen Lernumgebung.

Zudem sind soziale Medien bislang noch keine staatlich anerkannte Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung. Fortbildungen im gängigen Verständnis werden beispielsweise durch das Ausstellen von Zertifikaten anerkannt. Hier besteht demnach noch Verbesserungsbedarf, dass sowohl Schulen als auch Schulträger und Bildungsministerien eine aktive und andauernde Weiterbildung in den sozialen Medien auch als einen Beitrag zur Fortbildung anerkennen.

Fazit

Lernen über soziale Medien birgt einige Chancen und kann dabei als eine ergänzende Form zu bereits bestehenden Fort- und Weiterbildungen gesehen werden. Gleichzeitig liegt eine zukünftige Aufgabe darin, Wege zu finden, wie die Qualität von Fortbildungen dieser Art mithilfe sozialer Medien gewährleistet und für die Professionalisierung von Lehrkräften optimiert und zertifiziert werden können.


Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Blogbeiträgen, die aus dem Seminar „Digitale Medien und Pädagogische Psychologie“ (Prof. Dr. Christian Fischer, Wintersemester 2019/2020) an der Universität Tübingen im Masterstudiengang „Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie“ entstanden sind. Im Mittelpunkt dieses Seminars stand die Auseinandersetzung mit digitalen Lehr-Lernumgebungen unter Gesichtspunkten von Lerntheorien der Pädagogischen Psychologie.

Siehe auch:

Programmieren kinderleicht: schnelle Erfolgserlebnisse mit Scratch

Khan Academy: Lernen mit einem digitalen Nachhilfelehrer

Inquiry-based Learning – Forschendes Lernen im Unterricht

Gravitationskraft im Unterricht verändern – PhET macht es möglich

Digitale Wissensmedien für den Unterricht: Quo Vadis

Medienkompetenz: Noch viel Luft nach oben


Über die Autorinnen und Autoren

Maike Weynand studiert Geografie, Deutsch und Erziehungswissenschaft für das Lehramt an Gymnasien und beruflichen Schulen an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Joseph Ferdinand, M.Sc., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Christian Fischer, Ph.D., ist Tenure-Track-Professor für Educational Effectiveness am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Weiterführende Literatur

Fischer, C., Fishman, B., & Schoenebeck, S. (2019). New contexts for professional learning: Analyzing high school science teachers’ engagement on Twitter. AERA Open, 5(4), 1-20. https://doi.org/10.1177/2332858419894252

Frumin, K., Dede, C., Fischer, C., Fishman, B., Eisenkraft, A., Foster, B., Levy, A., Lawrenz, F., & McCoy, A. (2018). Adapting to large-scale changes in Advanced Placement biology, chemistry, and physics: The impact of online teacher communities. International Journal of Science Education, 40(4), 397-420. https:/doi.org/10.1080/09500693.2018.1424962

Lave, J. (1991). Situating learning in communities of practice. Perspectives on Socially Shared Cognition, 2, 63–82.Shaltry, C., Henriksen, D., Wu, M. L., & Dickson, W. P. (2013). Situated Learning with Online Portfolios, Classroom Websites and Facebook. TechTrends, 57(3), 20–25. https://doi.org/10.1007/s11528-013-0658-9

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