Lehrkräftemangel – was nun?

04.03.2020 | Von Nora Fröhlich

„Dramatischer Lehrermangel: Im Jahr 2025 fehlen mehr als 26.300 Grundschullehrer“, „Lehrermangel offenbar noch gravierender“, „Gewerkschaft warnt vor sinkender Unterrichtsqualität“. Schlagzeilen dieser Art dominierten vor einigen Monaten die Nachrichten. Der Grund: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hatte einen noch größeren Lehrkräftemangel prognostiziert als zuvor die Kultusministerkonferenz (KMK). Wie lässt sich das Problem lösen?

Ideen den Lehrkräftemangel zu beheben gibt es viele. In den letzten Jahren wurden zunehmend Quer- und Seiteneinsteiger an Grundschulen eingestellt – vor allem an Schulen mit sozial benachteiligten Kindern und an Einrichtungen in Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Berlin. In der Hauptstadt ist der Mangel sogar so hoch, dass Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (LovL) eingesetzt werden, da nicht ausreichend qualifizierte Lehrpersonen verfügbar sind.

Eigentlich pensionierte Lehrkräfte sind an Grundschulen zurückgeholt worden, um Unterrichtsausfall zu verhindern. Ebenso sollen ältere Lehrkräfte länger an den Schulen gehalten werden und keinesfalls vorzeitig in den Ruhestand gehen. Und der Ruf, dass Lehrkräfte in Teilzeit ihre Stunden aufstocken sollen, wird lauter.

Im Gegensatz zu den Grundschulen ist an den Gymnasien in vielen ein dauerhaftes Überangebot an Lehrkräften zu erwarten, so dass inzwischen viele von ihnen an die Grundschulen gelockt werden. Bundesländer wie Hessen oder NRW haben zusätzliche Lehramtsstudienplätze eingerichtet. Die Liste der Maßnahmen ist also lang.

Warum die Lehrkräfte fehlen

Doch der Mangel könnte noch drastischer werden: Bis 2030 in Deutschland scheiden im Rahmen einer Pensionierungswelle 40 Prozent der Grundschullehrkräfte aus. Hinzu kommen unvorhersehbare Frühpensionierungen wegen Dienstunfähigkeit oder frühzeitigem Ruhestand. Gestiegene Geburten- und Zuwanderungszahlen in der Bundesrepublik verschärfen den Mangel.

Sowohl kurzfristig als auch langfristig gibt es also mehr Schülerinnen und Schülern, sodass zusätzliche Lehrkräfte benötigt werden. Besonders hoch wird der Bedarf laut KMK an Schulen in ostdeutschen Bundesländern und an Schulen mit einem großen Anteil an sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern ausfallen.

Warum der Lehrkräftemangel nicht so einfach zu beheben ist
An vielen Schulen werden in den kommenden Jahren Lehrkräfte fehlen.

Die Frage ist, ob die Bemühungen im Kampf gegen den Lehrkräftemangel das Problem an der Wurzel packen. Dass der Lehrberuf in seiner derzeitigen Form in mancher Hinsicht nicht sehr attraktiv ist, wird wenn überhaupt nur am Rande thematisiert. Viele Lehrkräfte werden beispielsweise aus Kostengründen von den Schulen zum Schuljahresende entlassen und mit Schuljahresbeginn wieder eingestellt. Über die Sommerferien müssen sie sich arbeitslos melden, oft ohne Recht auf Arbeitslosengeld.

Hinzu kommt die berufsbedingte Belastung der Lehrpersonen, die in den kommenden Jahren aufgrund des Personalmangels weiter ansteigen wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unter den aktuellen Bedingungen nicht ausreichend Lehrkräfte nachrücken werden und folglich Stundentafeln gekürzt werden müssen, ohne dass Bildungsstandards und -ziele angepasst werden. Dadurch geraten die Lehrkräfte unter erhöhten Leistungsdruck, ihre Gesundheit steht auf dem Spiel: Der Unterrichtsausfall steigt, der Vertretungsunterricht nimmt zu und die Lehrkräfte müssen über ihre Regelverpflichtung hinaus unterrichten. Die Betreuung der Seiten- bzw. Quereinsteiger trägt zusätzlich zum Arbeitsaufwand bei.

Und jetzt?

Meiner Ansicht nach reicht es nicht, lediglich die Strukturen für mehr Lehrkräfte zu schaffen. Vielmehr müssen die Rahmenbedingungen so gestaltet sein, dass aktuelle und zukünftige Lehrkräfte ihren Beruf gerne und langfristig ausüben wollen und können. Es müssen Angebote geschaffen werden, die beispielsweise Lehrkräfte im Ruhestand motivieren, an Schulen zurückzukehren. Quer- und Seiteneinsteiger sollten zudem gleichmäßig auf die Schulen verteilt werden, da deren Einstellung nur Schulen zumutbar ist, die den erhöhten Belastungsansprüchen gerecht werden können.


Über die Autorin

Nora Fröhlich ist Masterstudentin der Empirischen Bildungsforschung und Pädagogischen Psychologie und wissenschaftliche Hilfskraft am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen.


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