„Mädchen finden Mathe doof!“

Von Dr. Eike Wille

Obwohl sich die Mathematikleistungen von Jungen und Mädchen in der Regel nicht oder nur kaum voneinander unterscheiden, sind Mädchen häufig weniger motiviert für Mathematik als Jungen. Eine Erklärung für diese Unterschiede können unterschiedliche geschlechtsstereotype Vorstellungen wie zum Beispiel „Jungen sind besser in Mathe als Mädchen“ sein.

Man geht davon aus, dass das wiederholte Erleben solcher Vorstellungen langfristig dazu führen kann, dass Jungen besonders in Mathematik motiviert sind, während Mädchen eine höhere Motivation für „typisch weibliche“ Fächer wie Sprachen zeigen. Bisherige Forschungsarbeiten zeigen, dass das Erinnern an Geschlechtsstereotype –  beispielsweise durch Äußerungen oder Fotos – kurzfristig die Motivation und Leistung von Mädchen verschlechtern kann.

Stereotype in einer Kinderfernsehsendung über Mathematik

Fernsehsendungen sind eine potentielle Quelle geschlechtsbezogener Stereotype, die in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen eine starke Rolle spielt. Neben Inhalten transportieren Kindersendungen häufig auch bestimmte Vorstellungen oder eben auch Vorurteile über Geschlechterrollen. Wir haben daher in einer Studie untersucht, ob die Darstellung von Geschlechtsstereotypen in einer Fernsehsendung für Kinder, die deutschlandweit ausgestrahlt wurde, die Zustimmung zu traditionellen Geschlechtsstereotypen wie „Jungen sind besser als Mädchen in Mathe“ kurzfristig beeinflusst. Zudem wollten wir wissen, ob, und wenn ja, wie sich solche Darstellungen auf die Motivation und Leistung von Jungen und Mädchen auswirken.

An der Studie nahmen 335 Schülerinnen und Schüler der 5. Jahrgangsstufe an 4 Gymnasien in Baden-Württemberg teil. Als Material diente eine gekürzte Fassung des Videos „Pur+, Mathe ist Magie“ (KiKa.de, 2015). Die Kindersendung behandelt verschiedene Aspekte des Mathematiklernens. In einer kurzen Sequenz werden verschiedene Stereotype über Mathematik dargestellt, wie zum Beispiel „Mädchen können kein Mathe“. Eine Gruppe von Kindern sah das Video inklusive dieser Sequenz, bei einer weiteren Gruppe, die als Kontrollgruppe diente, wurde sie weggelassen. Die Mathematikleistung der Kinder sowie ihre Motivation und geschlechtsstereotype Vorstellungen wurden vor und nach dem Anschauen des Videos mittels Leistungstests und Fragebögen erfasst.

Geschlechtsstereotype Darstellungen beeinflussen Wahrnehmung und Motivation

Es zeigte sich, dass sowohl Mädchen als auch Jungen Geschlechtsstereotypen stärker zustimmten, nachdem sie das Video inklusive der kurzen Sequenz zu Vorurteilen über Mathematik gesehen hatten. Jungen äußerten zudem ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zu Mathematik, während sie gleichzeitig die soziale Nützlichkeit von Mathematik als niedriger einschätzten als Jungen, denen die Sequenz nicht gezeigt wurde. Bezüglich des allgemeinen Interesses an Mathematik und der Mathematikleistung konnten wir keine Unterschiede zwischen den Gruppen feststellen.

Geschlechtsstereotype Darstellungen in Kindersendungen können also nicht nur Auswirkungen auf einzelne Aspekte der Motivation von Mädchen und Jungen haben, sondern auch beeinflussen, wie stark Kinder solchen Darstellungen zustimmen – und das selbst wenn die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer nur einmalig und für eine sehr kurze Zeit mit ihnen konfrontiert werden. Die Macher von Kinderfernsehsendungen sollten klischeehafte Darstellungen daher eher vermeiden, um die stereotypen Vorstellungen von Kindern nicht weiter zu fördern.

Aufbauend auf unseren Ergebnissen sind jedoch noch weitere Untersuchungen notwendig, um mögliche Einflüsse geschlechtsstereotyper Darstellungen in Fernsehsendungen auf die Leistung und Motivation von Heranwachsenden umfassend zu verstehen. Beispielsweise sollte untersucht werden, wie sich ein häufiges und wiederholtes Erleben von solchen Darstellungen auf die Motivation von Mädchen und Jungen auswirken kann.

Über die Autorin:

Dr. Eike Wille ist Akademische Mitarbeiterin mit mathematisch didaktischem Schwerpunkt an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Die Studie hat sie am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung durchgeführt.

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