Schulen leiten lernen

Von Ann-Kathrin Bielang

Weiterbildungsangebote wie der Masterstudiengang Schulmanagement und Leadership sollen Führungkräfte im Schul- und Bildungsbereich ausbilden und angehende Schulleiterinnen und Schulleiter in ihren Kompetenzen unterstützen. Sie bieten die Chance, Veränderungen anzugehen, die schulische Digitalisierung mitzugestalten und das Lernen von Schülerinnen und Schülern zu verbessern.

„Schulen sind keine…“ Bildungsreferent Jörg Belden hält kurz inne, sucht nach einem passenden Vergleich, „Firmen, die Gummistöpsel herstellen“, sagt er dann. Die Gummistopfen sind ein Industrieprodukt. Sie durchlaufen einen standardisierten Herstellungsprozess, der ihre Qualität bestimmt. Schulen dagegen sind Expertenorganisationen, die von der Autonomie ihrer Lehrkräfte leben. Es gibt hier keinen Herstellungsprozess, der standardisiert werden kann – oder soll. „Die Standards liegen eher in der Qualifizierung und der Persönlichkeit der Lehrkräfte, die dann eigenständig und eigenverantwortlich arbeiten“, so Belden. Eine Schule zu leiten ist daher etwas vollkommen anderes als ein Unternehmen zu führen. Es kommt auf die richtigen Strukturen am richtigen Ort an. Fehlen diese, führt das zu Frust, wie Franziska Lange*, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, selbst miterlebt hat. „Schon nach wenigen Monaten an meiner neuen Schule sind mir unzählige Defizite ins Auge gesprungen“, erklärt die Sekundarschullehrerin in Elternzeit rückblickend. „Ich habe gemerkt, dass die Schule an vielen Stellen nicht richtig funktioniert und dass ich aus meiner Position als Lehrerin kaum etwas daran ändern kann.“ Das will Lange nicht auf sich beruhen lassen. Um den Ursachen für die kargen Managementstrukturen an ihrer Schule auf den Grund zu gehen und herauszufinden, worauf es bei der Leitung einer Schule ankommt, entscheidet sie sich, den Masterstudiengang Schulmanagement und Qualitätsentwicklung an der Universität Kiel zu studieren. Der gleiche Studiengang, in dem auch Jörg Belden eingeschrieben ist.

Komplexere Aufgaben, mehr Verantwortung

Seit 2007 gibt es das Weiterbildungsangebot in Kiel. Ab dem kommenden Wintersemester ergänzt auch das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen sein Lehrangebot um einen entsprechenden Studiengang. „Schulmanagement und Leadership“ heißt der Masterstudiengang dort, der neben dem Beruf studiert werden kann. Ziel der zweijährigen Weiterbildung ist es, Studierende auf ihre Aufgabe in Leitungspositionen im Bildungsbereich vorzubereiten. Es geht dabei vor allem um einen Job, um den immer mehr Lehrkräfte einen Bogen machen: Bundesweit sind mehr als 1.000 Schulleitungsstellen vakant. Das zeigt eine Stichproben-Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in den Bildungsministerien der Länder. Demnach waren im Jahr 2019 allein in Baden-Württemberg 250 Stellen nicht besetzt, etwa 60 Prozent davon an Grundschulen.

„Vieles was eine Schulleitungsstelle ausmacht, fällt oft unter den Tisch. Die positiven Aspekte werden häufig gar nicht wahrgenommen“, sagt Lena Holländer, die den Masterstudiengang in Kiel im Frühjahr 2021 abgeschlossen hat. Der negative Ruf überschatte mittlerweile die Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten, die eine Position in der Schulleitung mit sich bringe. Die Außenwahrnehmung des Berufs sei geprägt durch den Gedanken, der sich auch in der Corona-Pandemie verstärkt gezeigt hat: „Da ist eine Krise, da muss der Schulleiter ran, da ist eine weitere Krise, da muss der Schulleiter wieder ran“, so Holländer. Fest steht, dass die Aufgaben einer Schulleitung komplexer geworden sind, die Anerkennung geringer und der Zuwachs an Verantwortung spiegelt sich oft nicht oder nicht deutlich genug im Gehalt wider. In einer Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) erklärte 2018 rund ein Viertel der befragten Schulleiterinnen und Schulleiter, dass sie den Beruf nicht weiterempfehlen können.

Konkrete Handlungspraktiken für moderne Bildungssysteme

Lena Holländer ist Lehrerin für evangelische Religion und Französisch sowie Mentorin am Gymnasium Brunsbüttel im Kreis Dithmarschen. Auf den Masterstudiengang wurde sie aufmerksam, noch bevor sie ihr Abitur in der Tasche hatte. „An einem Schnuppertag an der Universität Kiel war das“, erzählt sie und lacht. Als sie nach ihrem Referendariat zurück in ihre Heimat Schleswig-Holstein kam, hat sie schnell festgestellt, dass das Lehren allein sie nicht ausfüllt. Dazu kamen die stets befristeten Verträge an ihrer ehemaligen Schule. „Irgendwann habe ich einfach nachgeschaut, ob es den Studiengang noch gibt und mich dann eingeschrieben.“ Obwohl Holländer nach der Weiterbildung zunächst in den Lehrberuf – dieses Mal an das Gymnasium in Brunsbüttel – zurückgekehrt ist, schließt sie nicht aus, sich später doch noch als Schulleiterin zu bewerben. „Das Studium gibt einem konkrete Handlungspraktiken an die Hand, wie zum Beispiel modernere Bildungssysteme gelingen können. Das zu sehen motiviert schon unglaublich.“

Mit der Motivation von Schulleitungen beschäftigt sich auch die Studie „Leadership in German Schools“, die ein Team um Colin Cramer, Professor für Professionsforschung unter besonderer Berücksichtigung der Fachdidaktiken an der Universität Tübingen durchgeführt hat. Das zentrale Motiv, eine Position in der Schulleitung zu ergreifen, stellt sich in Cramers Studie als die Entwicklung und Erprobung neuer Ideen heraus. Dicht gefolgt von der Motivation, eine abwechslungsreiche und kreative Tätigkeit auszuüben und eigene Entscheidungen treffen zu können. Nur 22 Prozent der Befragten gibt an, mit der Berufswahl das berufliche Ansehen verbessern zu wollen.

Master „Schulmanagement und Leadership“

Ziel des Masterstudiengangs ist es, professionelle und starke Führungspersönlichkeiten für den Bildungs- und Schulkontext aus- und weiterzubilden. Das Lehrangebot ist so gestaltet, dass Studierende den Masterabschluss berufsbegleitend innerhalb der Regelstudienzeit von vier Semestern erlangen können. Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen mindestens ein Jahr Berufserfahrung in einer Schule oder einer Bildungsinstitution mit inhaltlichem Fokus auf dem Schulbereich mitbringen. Die thematischen Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Bildungs-, Schul- und Unterrichtsforschung, Schulmanagement, Unterrichtsqualität und Qualitätsentwicklung an Schulen, digitales Lehren und Lernen sowie Personalführung und Kommunikation. Die Studiengebühren betragen zusätzlich zum Semesterbeitrag der Universität Tübingen 600 Euro pro Semester. Der Studiengang startet zum Wintersemester 2021/22, die Bewerbung ist bis 30. September 2021 über alma.uni-tuebingen.de möglich.

Verzahnung von Theorie und Praxis

Auch Franziska Lange hat ihr Masterstudium im Frühjahr 2021 abgeschlossen. Noch ist die Sekundarlehrerin in Elternzeit, bewirbt sich aber bereits jetzt auf eine Stelle als Konrektorin. Die Schaffung von weiteren Konrektorstellen gehört zur Liste der Verbesserungen, die einige Bundesländer, darunter Hessen und Baden-Württemberg, ergriffen haben, um Schulleiterinnen und Schulleiter zu entlasten und den Beruf attraktiver zu gestalten. Auch die Besoldung an Grund-, Haupt- und Werkrealschulen wurde nach oben korrigiert. Nicht zuletzt soll auch das Fortbildungsangebot erweitert werden – unter anderem durch den neuen Studiengang in Tübingen. Auch für Nicht-Lehrer wie Jörg Belden, die von externen Bildungsträgern kommen, gibt es die Möglichkeit, in den Studiengang aufgenommen zu werden.

Belden ist von Haus aus Theologe, seit Jahren aber für die KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V. in der Hamburger Schulentwicklung tätig. Unter anderem bildet er dort Elternmentorinnen und -mentoren aus. „In Deutschland kommt Eltern eine bedeutende Rolle im Schulleben ihrer Kinder zu. In anderen Ländern ist das nicht immer der Fall und es ist ebenso schwierig wie wichtig, ihnen diese neue Rolle zu erklären und zu vermitteln“, so Belden. „Die Vermittlung übernehmen andere Eltern aus den jeweiligen Schulen, die sich in meinen Qualifizierungsveranstaltungen weiterbilden.“

Das Studium hat Belden aufgenommen, um seine tägliche Zusammenarbeit mit Schulen zu reflektieren und einordnen zu können. „Wir bekommen zwar immer direkt Rückmeldungen von unseren Schulen, aber jetzt empirische Befunde kennenzulernen, dass Projekte wie die Elternmentoren, die Schulen weiterbringen können, bestätigt unsere Arbeit nochmals auf einer ganz anderen Ebene.“ Die konkrete Verzahnung von Praxis und Theorie ist auch für Lena Holländer ein Pluspunkt: „Für viele Lehrkräfte ist die eigene Schule der Tellerrand. Wie wichtig aber Erkenntnisse zum Beispiel aus Vergleichsarbeiten auf ganzer Bildungssystemebene sind, geht oft unter.“

Austausch ähnlicher Interessen

Leider scheint die Motivation, eine Weiterbildung zu absolvieren, die Veränderungen an der eigenen Schule anstoßen will, nicht bei allen Kolleginnen und Kollegen gut anzukommen. „Das Lehrerkollegium ist, sage ich jetzt mal so salopp, oftmals ein Tratschclub“, so Holländer. „Wenn man das Studium belegt, hat man ja offensichtlich Ambitionen, zum Beispiel für eine Führungsposition und ich glaube da muss man sehr bedacht sein, wie man sich wem gegenüber verhält  – und manchmal ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn man sowas nicht in die Breite streut.“ Auch Jörg Belden hat in seinen Kursen die Erfahrung gemacht, dass einzelne Kommilitoninnen und Kommilitonen ihr Studium nicht an die große Glocke hängen wollten. „Wenn ich als Lehrer diesen Studiengang studiere, kommen die Kollegen natürlich ganz schnell mit dem Gedanken um die Ecke: ‚Ach, du willst unser Chef werden?‘“

Für Lena Holländer war ihr Masterstudium deshalb vor allem auch eine Erleichterung: „Sich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen mit ähnlicher Gesinnung austauschen zu können war ein Segen.“ Dazu gehört auch der Austausch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus ganz Deutschland sowie aus dem Ausland. Bei seinem 10-jährigen Bestehen im Jahr 2017, hatten den Weiterbildungsstudiengang in Kiel bereits Lehrkräfte aus 42 Ländern absolviert, darunter Argentinien, Norwegen und Hawaii. Während einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Masterstudiengang bereits in Führungspositionen starten, fühlen sich andere, wie Franziska Lange, nach dem Besuch bereit, eine Leitungsposition anzustreben. Aber auch von Absolventinnen und Absolventen ohne diese Ambitionen kann eine Schule nur profitieren: „Der Weiterbildungsstudiengang zielt letztlich darauf ab, das Lernen von Schülerinnen und Schülern wirksam zu gestalten“, erklärt Ulrich Trautwein, Direktor des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung, „Dafür wollen wir die Schlüsselpersonen mit den richtigen Kompetenzen und evidenzbasierten Konzepten ausstatten.“

*Name von der Redaktion geändert

Über die Autor*innen:

Ann-Kathrin Bielang ist Redakteurin bei LEAD.schule.

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