Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

Von Lisa Zachrich

Zeitzeugen in den Unterricht einzubinden macht Geschichte für die Schülerinnen und Schüler ‚greifbar‘. Allerdings verringert die Begegnung mit Zeitzeugen auch die kritische Reflexion von Aussagen – das Risiko Zeitzeugenberichte als bezeugte ‚Wahrheiten‘ wahrzunehmen steigt.

Schon immer und ganz besonders in Zeiten von Fake News ist die Kompetenz, Quellen zu hinterfragen und einzuordnen, von entscheidender Bedeutung. Besonders schwer fällt ein kritischer Umgang mit Informationen und Darstellungen, wenn diese von Personen vorgetragen werden, deren Aussagen man vertraut, weil sie als (Zeit‑)Zeugen das Erzählte selbst miterlebt haben. Daher birgt die Empfehlung der Bildungspläne aller Länder, Zeitzeugen in den Geschichtsunterricht einzuladen, weil in ihnen die Vergangenheit lebendig und (an)fassbar wird, auch ein Risiko. Denn die unmittelbare Begegnung mit gelebter, authentischer Geschichte könnte dazu führen, dass die Zeitzeugenaussage als eine durch Lebenserfahrung bezeugte „Wahrheit“ wahrgenommen und geglaubt wird.

Kritische Reflexion bei Live-Zeitzeugen geringer

Es gibt nur wenige Untersuchungen über die Auswirkungen der Arbeit mit Zeitzeugen im Unterricht auf die Motivation und die Lernfortschritte der Schülerinnen und Schüler. Deshalb wollten wir in einer Studie mit rund 900 Schülern aus 35 neunten Klassen in Baden-Württemberg herausfinden, welche Effekte es hat, wenn mit Zeitzeugenaussagen im Unterricht gearbeitet wird. Um verschiedene Bedingungen miteinander vergleichen zu können, haben wir in den Unterrichtsstunden Live-Zeitzeugen eingeladen, Videos mit Zeitzeugenberichten gezeigt oder mit Transkriptionen von Zeitzeugen-Interviews gearbeitet.

Dabei zeigte sich, dass bei einer gründlichen Vor- und Nachbereitung der Arbeit mit Zeitzeugenaussagen die Schülerinnen und Schüler Wesentliches über die Grundlagen von Geschichte als einer Rekonstruktion der Vergangenheit lernten. Allerdings zeigte sich auch, dass die Lernenden, die einen Zeitzeugen live befragt hatten, die Notwendigkeit, Darstellungen überhaupt und die Erzählungen der Zeitzeugen im Besonderen kritisch zu hinterfragen, weniger gut verstanden hatten als diejenigen, die mit dem Video oder der Transkription gearbeitet hatten. Trotzdem schätzten die Lernenden in der Live-Gruppe ihre eigenen inhaltlichen und methodischen Lernfortschritte und ihren Spaß an der Arbeit mit Zeitzeugen sehr viel höher ein als die Schülerinnen und Schüler in der Video- und Textgruppe.

Risiken als Chancen begreifen

Diese Befunde können als ein Beleg für die in der Literatur häufig diskutierte „Aura“ des lebendigen Zeitzeugen interpretiert werden. Möglicherweise nimmt die Präsenz des Zeitzeugen die Lernenden so sehr gefangen, dass ihnen die kritische Reflektion des Zeitzeugenberichts schwerer fällt, als wenn sie mit einer Zeitzeugen-„Konserve“ arbeiten. Ziel der Arbeit mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht müsste es sein, die Risiken, die mit der Arbeit mit Zeitzeugen verbunden sind, als Lernchancen zu begreifen. Durch das Offenlegen der Perspektivität der Zeitzeugen, beispielsweise durch einen Vergleich kontroverser Aussagen verschiedener Zeitzeugen, kann und sollte das historische Denken der Schülerinnen und Schüler explizit gefördert werden.

Über die Autorin

Lisa Zachrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen.

Zum Weiterlesen:

Bertram, C. (2017). Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie (Reihe Geschichtsunterricht erforschen). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.

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