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Copyright: HIB | Benjamin Goecke
Im Forschungsprojekt PINGUIN (Potenzialidentifikation in der Grundschule) wurde ein neues Testverfahren auf dem Tablet entwickelt, das zeigt, was Kinder zu Beginn der ersten Klasse schon können und welche Potenziale in ihnen stecken. Dabei werden das kognitive Potenzial und grundlegende Fähigkeiten in Sprache, Schriftsprache und Mathematik spielerisch ermittelt. Aktuell wird das Instrument an zahlreichen Grundschulen in Baden-Württemberg genutzt. Die Ergebnisse können Lehrkräften dabei helfen, den Unterricht auf die unterschiedlichen Lernstände der Kinder abzustimmen und Talente früh zu erkennen.
Warum die Lernausgangslage messen?
Der Start in die Schule ist für Kinder ein großer Schritt; und für Lehrkräfte eine anspruchsvolle Phase. Jede Klasse ist vielfältig: Kinder bringen unterschiedliche Vorerfahrungen, Sprachkenntnisse und Fähigkeiten mit – auch Interessen können sich grundlegend unterscheiden. Manche Kinder haben bereits ein ausgeprägtes Zahlverständnis oder eine besondere Sprachgewandtheit, andere beeindrucken durch kreative Ideen, ihre herausragende Beobachtungsgabe oder ihr soziales Gespür. Jedes Kind bringt Potenziale mit, die es zu entdecken gilt. Um jedes Kind gezielt fördern zu können, benötigen Lehrkräfte verlässliche Informationen über die Lernausgangslage der Kinder.
An diesem Punkt setzt PINGUIN an: ein neu entwickeltes, tablet-basiertes Instrument zu Erfassung der Lernausgangslage und des kognitiven Potenzials im Grundschulalter.
Nach dem Orientierungsrahmen Begabtenförderung für Schulen in Baden-Württemberg gelten 10-15% der Kinder als besonders begabt und 2-3% der Kinder als hochbegabt. Diese Potenziale zu erkennen, ist jedoch anspruchsvoll und alles andere als trivial. Studien zeigen, dass Lehrkräfte Begabungen häufig unterschiedlich einschätzen: beeinflusst etwa durch Geschlecht, Alter oder sozialen Hintergrund der Kinder. Da für viele Förderprogramme, wie zum Beispiel die Hector Kinderakademien, eine Nominierung durch Lehrkräfte jedoch eine Voraussetzung zur Teilnahme ist, kann dies zu ungleichen Chancen für Kinder führen.
Systematische Verfahren können hier unterstützen, indem sie eine objektivere Grundlage für Beobachtungen und Förderentscheidungen schaffen. Damit besonders begabte Kinder von Anfang an entsprechend ihres Niveaus gefördert und gefordert werden können, brauchen Lehrkräfte verlässliche Informationen über die Potenziale und die Lernausgangslage ihrer Schüler:innen. Studien und internationale Erfahrungen zeigen, dass standardisierte Verfahren zur Lernausgangslage und zum kognitiven Potenzial Lehrkräfte bei der Identifikation von Begabung und der passgenauen Förderung unterstützen können. Während vor der Einschulung Tests zum Entwicklungsstand üblich sind, fehlt bislang jedoch ein standardisiertes Verfahren für den Schulbeginn.
Wie funktioniert PINGUIN?
Da PINGUIN in Gruppen durchführbar ist und die Kinder die Instruktionen über Kopfhörer erhalten, ist das Instrument ressourcenschonend und gut in den Schulalltag integrierbar. In den vier Modulen - kognitives Potenzial, sprachliche, schriftsprachliche und mathematische Kenntnisse - werden leistungsrelevante Vorläuferfähigkeiten und das kognitive Potenzial ermittelt. Dabei sind alle Aufgaben kindgerecht eingekleidet. Bei den drei Aufgaben zum kognitiven Potenzial spielen die Kinder zum Beispiel mit bunten Monstern verstecken oder helfen dabei, vertauschtes Spielzeug wieder zuzuordnen. In den beiden Sprach-Modulen bearbeiten die Kinder unter anderem Aufgaben zur phonologischen Bewusstheit, zum Hörverständnis oder zur Buchstabenkenntnis. Im Mathematik-Modul wird neben der Abfrage von Zahlenwissen, gezählt und gerechnet.


Ausschnitte aus den Monsteraufgaben zum kognitiven Potenzial, HIB / Benjamin Goecke

Ausschnitte aus den Monsteraufgaben zum kognitiven Potenzial, HIB / Benjamin Goecke
Was ist das Projektziel?
Das übergeordnete Ziel des Projekts ist es, PINGUIN so zu entwickeln, dass die zuvor erwähnten Vorläuferfähigkeiten von Grundschüler*innen effizient, fair und kindgerecht von Lehrkräften getestet werden können. Die Ergebnisse sollen die Lehrkräfte informieren und dadurch dabei unterstützen, selbstständig individuelle Förderung zu planen und besonders begabte Kinder für die Hector Kinderakademien zu identifizieren.
Wer arbeitet mit?
An diesen Zielen arbeitet ein großes Projektkonsortium: PINGUIN wird getragen von einem interdisziplinären Team führender Forscher:innen aus Universitäten und Instituten in ganz Deutschland. Dazu gehören unter anderem Dr. Benjamin Goecke, Prof. Dr. Jessika Golle, Luca Heim und Prof. Dr. Ulrich Trautwein vom Hector-Institut der Universität Tübingen, sowie Wissenschaftler:innen vom Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und den Universitäten Ulm, Kassel, Würzburg und Bonn.
Wie läuft die Studie ab?
Von 2021 bis Sommer 2024 wurde PINGUIN in mehreren Pilotierungen immer wieder erprobt und weiterentwickelt. Im Schuljahr 2024/2025 startete schließlich die erste Studienkohorte mit 12 Schulen und mehr als 500 Erstklässler:innen. PINGUIN wurde dabei von geschulten Forschungsassistent:innen mit den Kindern durchgeführt, um eine einheitliche und kontrollierte Erhebung sicherzustellen. Die Ergebnisse waren vielversprechend: Das Erhebungsinstrument funktionierte zuverlässig, die Kinder hatten Spaß bei der Bearbeitung der Aufgaben und die Lehrkräfte konnten mit den individuellen Ergebnisrückmeldungen gut umgehen.

Ausschnitte aus den Monsteraufgaben zum kognitiven Potenzial, HIB / Benjamin Goecke
Wie geht es weiter?
Mit der zweiten Kohorte, die im Schuljahr 2025/2026 gestartet ist, ging PINGUIN nun in die nächste Runde. Mehr als 95 Schulen mit knapp 235 ersten Klassen in Baden-Württemberg nahmen teil. Damit wurde PINGUIN erstmals unter echten Alltagsbedingungen flächendeckend eingesetzt, denn die Lehrkräfte selbst führten PINGUIN an den Schulen mit ihren Erstklässler*innen durch. Diese breite Beteiligung ist gleich in mehrfacher Hinsicht wertvoll: Durch die aktive Teilnahme so vieler unterschiedlicher Schulen entsteht nicht nur eine umfangreiche Datengrundlage, sondern es werden auch wertvolle Einblicke in die praktische Umsetzung von PINGUIN im Schulalltag gewonnen. Die Lehrkräfte setzten PINGUIN auf Tablets der Schulen ein und bereiteten die Durchführung dementsprechend auch eigenständig vor, inklusive der Lösung kleinerer technischer Herausforderungen. Die Erfahrungen der Lehrkräfte geben Aufschluss darüber, wie gut das Instrument in den Unterrichtsablauf passt, wo noch Anpassungen nötig sind und wie die Ergebnisse im Schulalltag bestmöglich genutzt werden können. Gleichzeitig bilden die Daten der ersten und zweiten Kohorte gemeinsam die Grundlage für die Normierungsstichprobe von PINGUIN. Damit entsteht eine empirische Basis, auf der künftige Testergebnisse zuverlässig eingeordnet und interpretiert werden können.
Das Fazit
PINGUIN zeigt, wie Diagnostik am Tablet direkt im Schulalltag eingesetzt werden kann, um Lehrkräfte sowohl bei der Erkennung von Potenzialen als auch der gezielten Förderung ihrer Schüler:innen zu unterstützen. Die Rückmeldungen aus den Klassenzimmern helfen nicht nur, das Instrument stetig zu verbessern, sondern geben auch wertvolle Einblicke, wie Kinder lernen und sich entwickeln.
Weitere Informationen: PINGUIN Webseite / Demovideo
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Golle, J., Schils, T., Borghans, L., & Rose, N. (2023). Who Is Considered Gifted From a Teacher’s Perspective? A Representative Large-Scale Study. Gifted Child Quarterly, 67(1), 64–79. https://doi.org/10.1177/00169862221104026
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport (2025). Orientierungsrahmen Begabtenförderung für Schulen in Baden-Württemberg [Broschüre]. https://km.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-km/intern/PDF/Publikationen/Schulartuebergreifend/2025-07-30-Orientierungsrahmen_Begabtenf%C3%B6rderung_bf.pdf
Rothenbusch, S., Zettler, I., Voss, T., Lösch, T., & Trautwein, U. (2016). Exploring reference group effects on teachers’ nominations of gifted students. Journal of Educational Psychology, 108(6), 883–897. https://doi.org/10.1037/edu0000085